Philipps 2. Bericht
Buenas Dias, alle zusammen !
Grüße aus dem schneeregnerischen El Alto, ja zurzeit ist es ziemlich kühl bei uns hier oben in Ciudad Satelite, doch mittlerweile haben wir uns alle ganz gut eingelebt.
Heut morgen war es nur 4°C warm, oder kalt in meinem Zimmer ganz wie man will, und das hab ich mit Erstaunen festgestellt, will heißen dass es sich wirklich nicht so angefühlt hat. Ich würde sagen: ein Gutes Zeichen der Gewöhnung.
Wir haben zwar jetzt einen Heizstrahler für eine Gasflasche, dafür gibt es jedoch zurzeit in ganz El Alto wahrscheinlich sogar in ganz La Paz kein Gas, doch mehr dazu etwas später!
Unseren intensiven Sprachkurs haben wir mittlerweile beendet, es war recht interessant da wir dort auch einiges über die Kultur erfahren haben; zudem bin ich dass erste Mal in Kontakt mit der Religion der Mormonen getreten, den unsere Lehrerin, Fabiola war eine Mormonin; kurze Beschreibung: Die Mormonen haben ihr eigenes Testament, ihren Sitz in den USA, rauchen nicht, benutzen keine Schimpfwörter und trinken weder Alkohol, Tee noch Kaffee. Nach unseren intensiven Recherchen; hat das ganze einen sehr sektenhaften Charakter, oder ganz du mir mehr sagen (Michael)?
Nun da wir mit der Sprachschule abgeschlossen haben , können wir uns so richtig auf unsere eigentlichen Tätigkeiten konzentrieren, wobei es während der Sprachschule auch nicht so wirklich geklappt hat mit „reinen Sprache lernen“. Ich hab schon gleich nach einer Woche Karl (einen unserer Vorgänger) mit ins Collegio „Vicente Tejada“ begleitet um dort Englisch zu unterrichten. Mittlerweile hab ich die beiden Klassen zusammen mit Christian ganz übernommen. Die Kids, die immer ganz aufgeregt sind wenn „Profe Felipe“ in die Klasse kommt, sind so um die 10-12 Jahre alt. Mir macht es wirklich viel Spaß den Kids etwas beizubringen und zudem genieße ich die Möglichkeit ein bisschen English zu sprechen, was man hier ansonsten so gut wie nie hört. Alles von Buch, über Musik bis zum Film erscheint fast ausschließlich in Spanischer Sprache, von letzterem ist es übrigens unmöglich hier irgendwie ein Original zu finden. Soweit ich weiß gibt es nur ein Geschäft in ganz La Paz und El Alto, das Orginale von Film und Musik verkauft. Ansonsten findet man hier an jeder Ecke einen Händler, der einem so ziemlich alles für umgerechnet 1€ verkaufen kann.
Neben meinen Englisch Klassen bin ich auch schon gleich in den ersten Tagen mit der „escuela movil“ rausgefahren. Diese mobile Schule ist einfach genial; es ist praktisch ein Tafelkasten mit Rädern, den auf beiden Seiten 2 mal ausziehen kann. Sie bietet den Kids so ziemlich alles an Zahlen-, Wort-,Gemeinschaftsspiele und vieles mehr. Wir laden die „escuela movil“ einfach auf einen kleinen Lastwagen und fahren dann in die verschiedenen und vor allem ärmeren Viertel und Schulen von El Alto um dann mit den Kids spielerischen Straßenunterricht zu machen. Diese Tätigkeit ist wirklich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, unser „barrio“ Ciudad Satelite ist nämlich eines der reicheren Viertel hier in El Alto und so ist man unterwegs und hat immer wieder mit neuen Kids zu tun.
Photo: escuela movil
Zudem arbeite ich auch in einem weiteren Barrio namens Santiago 2, dort gebe ich auch Englisch Unterricht, hier allerdings für die ganz Kleinen (so 4-6 Jahre alt) und davon dann gleich so um die 40 Kinder. Die können gar nicht genug bekommen und fragen mich am laufenden Band alle möglichen Vokabeln und wenn sie etwas abschreiben, kommen so ca. 90% sofort danach zu mir um zu fragen ob es richtig ist. Es macht Spaß, aber einen großen Respekt an alle Lehrer. Neben dem Collegio befindet sich das „Centro Uta Waynas“ in dem ich regelmäßig meinen „Taller de Percusion con Basura, Circo y Teatro“ anbiete. Zusammen mit den Kids mache ich Percusion mit Müll also auf Plastikflaschen, Dosen und was man sonst noch so findet und wir spielen ein bisschen Theater und auch noch Zirkus, es ist also eine Mischung aus allem. Es scheint den Kids zu gefallen, vor allem wenn sie völlig neben dem Rhythmus spielen und es auf einmal echt gut klingt.
Um zum Centro zu kommen nehme ich einen der im Überfluss vorhandenen Minibusse, es sind Kleinbusse, so lang wie ein normales Auto in den man sich den Platz, wenn es hochkommt mit 16 Leuten teilen muss....ja genau ziemlich eng, aber völlig normal. Jeder Bus hat eine Nummer und zudem gibt es neben dem Fahrer eine weitere Person die permanent, die Stationen der Fahrt nach draußen schreit, die Tür öffnet und das Geld einsammelt. Sich zurecht zu finden war am Anfang gar nicht so einfach vor allem, da man nicht versteht was die Person schreit, aber mittlerweile klappt es ziemlich gut, obwohl es so um die 600 verschiedene Busnummern in ganz El Alto gibt.
Mittelpunkt jeglicher Buslinien ist eigentlich das Handelsviertel von El Alto namens „Ceja“, es ist riesig und hier bekommt man wirklich alles, und mit alles meine ich wirklich alles; von jeglichen ordinären und extraordinären Nahrungsmitteln (wie z.B Kuh- und Schweinsköpfe) über Kühlschränke bis hin zu Einspritzpumpen für Autos. Interessant dass man die verschieden Waren in jeweils einer Straße findet, so gibt es z.B. eine Straße nur mit Fahrrädern, eine mit Radios und eine mit Kleidung.
Um das ganze noch ein wenig an Größe und Volumen zu übertreffen findet jeden Donnerstag und Sonntag, ein paar Viertel weiter die „große Feria“ statt.
Dies ist ein mehrer kilometerlanger Markt, der sich ähnlich gliedert, nur halt eben noch größer ist als Ceja. Jeder versucht hier wirklich seinen Handel mit irgendetwas zu betreiben, der informelle Sektor ist in El Alto einfach gigantisch.
Vor kurzem hatten wir hier im Compa ein „encuentro de jovenes artistas“, es war ein einwöchiges Treffen verschiedener, junger Theater-und Musikgruppen (18-20 Jährige Künstler) aus ganz Bolivien. Es gab viele Diskussionsrunden über Jugend, Kunst, Kultur und Politik und zudem sind wir fast jeden Tag mit dem Theaterlastwagen in den verschieden Vierteln von El Alto unterwegsgewesen um die Künste der verschieden Gruppen zu präsentieren. An einem Tag haben wir mit der gesamten Gruppe eine Ausflug zum Titikaka See unternommen, sehr beeindruckend. Zuerst haben wir ein Konzert besucht, dann eine kleine Rundfahrt auf dem See gemacht und danach gab es das große Fußballturnier, auf dem wohl am schönsten gelegenen Fußballplatz, direkt am Ufer des Titikaka Sees. Nun wir Voluntarios hatten doch noch alle ziemlich mit der Höhe zu kämpfen, trotz unseres Größenvorteils waren wir nur mittelmäßig erfolgreich. Ein wirklich toller Tag!
Photo: Titikaka
In Sachen Theater und Zirkus ist das Compa schon wirklich auf einem ziemlich hohen Level, es gibt verschiedenste Theatergruppen, sowie auch gößere Theaterprojekte. Viele der Stücke sind aber vor allem dafür ausgelegt auf der Bühne des Theaterlastwagens aufgeführt zu werden, sie handeln von Familie, Politik und Fantasie und sind meistens recht kurze Inszenierungen mit körpersprachlichem Schwerpunkt. Zudem gibt es ein faszinierendes Theaterprojekt, dass sich die “Miene“ nennt. Hierzu hat man im Keller des Compas einige kleine Mienenschächte nachgebaut; man muss wissen dass der Bergbau (und die Ausbeutung durch die Spanier) die Menschen und die Geschichte Boliviens sehr stark geprägt hat und noch immer prägt. Es ist eine Art interaktives Theaterstück, in dem die Zuschauer ebenfalls zu Schauspielern werden; in den Mienen arbeiten müssen, von den Mienenbesitzern mehr Lohn fordern, einen Aufstand planen und durchführen und sich mit einem Mienenunglück konfrontiert sehen. Währendessen erfährt man sehr viel über den Glauben der Menschen (die Religion in Bolivien ist hauptsächlich eine Mischung aus Christentum und Naturreligion), ihr kulturelles Leben sowie ihr Schicksal.
Bezüglich des Theaters, hoffe ich sehr stark, dass die Teilnahme einiger Kids vom Compa am Weltkinder Theaterfestival in Lingen 2006 Wirklichkeit wird, sollte es das, so werden wir auch noch mit großer Wahrscheinlichkeit eine kleine Deutschland-tournee durchführen, doch bis zum jetzigen Zeitpunkt ist leider noch nicht alles absolut sicher, da wir noch in der Anmeldungs-und Planungsphase sind. Vamos a ver –wir werden sehen! Ich bin dem TPZ überaus dankbar für diese Möglichkeit.
So und nun zu unserer Gasflasche, sie ist zur Zeit politisch ein ziemlich aktuelles Thema. Die Problematik besteht darin das sehr viele Haushalte hier in El Alto mit Gasflaschen kochen und heizen, da es keine festen Gasanschlüsse gibt. Somit gibt es kleine Lastwagen die herumfahren um in den Vierteln die Flaschen zu verkaufen, nun das sollten sie eigentlich. Was sie nämlich tun,ist zu den Grenzen der Nachbarländer fahren um dort die Gasflaschen für das 4-5fache zu verkaufen. Um Gegen diese gesetzliche Misslage zu protestieren, bedienen sich die Menschen an der ja bereits bekannten Art der Straßenblockade, mit ihren Gasflaschen bilden die Menschen einfach eine Reihe quer über die Straße. Sie wissen genau welche Hauptverkehrsstraßen zu blockieren sind um die größte Effektivität zu erzielen. Es ist ein relativ hartes aber meist auch einziges Druckmittel der einfachen Menschen in El Alto wie auch in La Paz. Als wir mit der mobilen Schule unterwegs waren, haben wir ca. 1 Stunde für einen eigentlich 15 minütigen Weg gebraucht. Wir werden sehen wie sich die politische Situation entwickelt.
Photo: Bloqueo
Tja apropos Mobilität unsere Vorgänger hatten zusammen mit dem Compa eine alten Kleinlastwagen gekauft, mit alt meine ich wirklich alt: man muss ihn noch vorne am Motor ankurbeln, nun ehrlich gesagt er funktioniert überhaupt nicht, auch nicht wenn der Mechaniker, bei dem er die letzten Wochen war, das Benzin mit dem Mund ansaugt, in seinem Mund behält und dann in die Einspritzpumpe spuckt...wow ich traute meinen Augen nicht. Die eigentliche Idee war die von einer mobilen Bibliothek, die mir sehr gut gefällt, aber ich glaube wir müssen noch sehr viel Arbeit investieren damit irgendwann mal irgendetwas funktioniert.
Nun ich weiß nicht genau wieso, aber in dieser Woche habe ich auch ziemlich viel Zeit damit verbracht alle möglichen Strom und Wasserleitungen bei uns im Haus zu reparieren, ja die Stromleitungen hängen hier einfach so frei und quer im Haus und auf der Straße herum und dann reißen sie halt schon einfach mal ab. Nun bei meinem erfolgreichen Versuch die Stromversorgung in unserem Haus wieder herzustellen, habe ich auch gleich erfolgreich einen Stromschlag bekommen und weil es so schön war; das ganz gleich zweimal ...tja Simon wir haben zwar keine Taranteln, aber dafür viele andere gefährliche und kribbelnde Dinge.
Photo: unsere Straße
Mittlerweile habe ich hier auch mit Capoeira, brasilianischer Kunstkampfsport ohne Berührungen, angefangen. Es macht echt viel Spaß und durch diesen Kontakt hat es sich auch ergeben, das wir mittlerweile eine kleine Band gegründet haben, halt eine Fusion aus Bolivianern und Deutschen; mit Gitarren, Trompete und ich an den Congas. Unseren ersten Auftritt hatten wir schon auf der Geburtstagsfeier einer Disko, hier in Satelite....wir haben schöne Stücke von Buena Vista Social Club gespielt und noch weitere lateinamerikanische Stücke, mal sehen was da noch so draus wird.
Photo: Ciudad Satelite, Hausberg Illimani von La Paz
So das wars erst mal mit dem kleinem Bericht aus meinem bolivianischem Leben.
Ich danke auch allen für eure Unterstützung, zusammen leisten wir einen kleine Beitrag der die Welt verändert, Danke. Ich würde mich freuen wenn ihr noch weitere Menschen an meinen Erfahrungen teilhaben lasst, schickt ihnen einfach meine Berichte oder schickt mir ihre e-mail Adresse.
Hasta pronoto y suerte
Euer Philipp
Grüße aus dem schneeregnerischen El Alto, ja zurzeit ist es ziemlich kühl bei uns hier oben in Ciudad Satelite, doch mittlerweile haben wir uns alle ganz gut eingelebt.
Heut morgen war es nur 4°C warm, oder kalt in meinem Zimmer ganz wie man will, und das hab ich mit Erstaunen festgestellt, will heißen dass es sich wirklich nicht so angefühlt hat. Ich würde sagen: ein Gutes Zeichen der Gewöhnung.
Wir haben zwar jetzt einen Heizstrahler für eine Gasflasche, dafür gibt es jedoch zurzeit in ganz El Alto wahrscheinlich sogar in ganz La Paz kein Gas, doch mehr dazu etwas später!
Unseren intensiven Sprachkurs haben wir mittlerweile beendet, es war recht interessant da wir dort auch einiges über die Kultur erfahren haben; zudem bin ich dass erste Mal in Kontakt mit der Religion der Mormonen getreten, den unsere Lehrerin, Fabiola war eine Mormonin; kurze Beschreibung: Die Mormonen haben ihr eigenes Testament, ihren Sitz in den USA, rauchen nicht, benutzen keine Schimpfwörter und trinken weder Alkohol, Tee noch Kaffee. Nach unseren intensiven Recherchen; hat das ganze einen sehr sektenhaften Charakter, oder ganz du mir mehr sagen (Michael)?
Nun da wir mit der Sprachschule abgeschlossen haben , können wir uns so richtig auf unsere eigentlichen Tätigkeiten konzentrieren, wobei es während der Sprachschule auch nicht so wirklich geklappt hat mit „reinen Sprache lernen“. Ich hab schon gleich nach einer Woche Karl (einen unserer Vorgänger) mit ins Collegio „Vicente Tejada“ begleitet um dort Englisch zu unterrichten. Mittlerweile hab ich die beiden Klassen zusammen mit Christian ganz übernommen. Die Kids, die immer ganz aufgeregt sind wenn „Profe Felipe“ in die Klasse kommt, sind so um die 10-12 Jahre alt. Mir macht es wirklich viel Spaß den Kids etwas beizubringen und zudem genieße ich die Möglichkeit ein bisschen English zu sprechen, was man hier ansonsten so gut wie nie hört. Alles von Buch, über Musik bis zum Film erscheint fast ausschließlich in Spanischer Sprache, von letzterem ist es übrigens unmöglich hier irgendwie ein Original zu finden. Soweit ich weiß gibt es nur ein Geschäft in ganz La Paz und El Alto, das Orginale von Film und Musik verkauft. Ansonsten findet man hier an jeder Ecke einen Händler, der einem so ziemlich alles für umgerechnet 1€ verkaufen kann.
Neben meinen Englisch Klassen bin ich auch schon gleich in den ersten Tagen mit der „escuela movil“ rausgefahren. Diese mobile Schule ist einfach genial; es ist praktisch ein Tafelkasten mit Rädern, den auf beiden Seiten 2 mal ausziehen kann. Sie bietet den Kids so ziemlich alles an Zahlen-, Wort-,Gemeinschaftsspiele und vieles mehr. Wir laden die „escuela movil“ einfach auf einen kleinen Lastwagen und fahren dann in die verschiedenen und vor allem ärmeren Viertel und Schulen von El Alto um dann mit den Kids spielerischen Straßenunterricht zu machen. Diese Tätigkeit ist wirklich eine meiner Lieblingsbeschäftigungen, unser „barrio“ Ciudad Satelite ist nämlich eines der reicheren Viertel hier in El Alto und so ist man unterwegs und hat immer wieder mit neuen Kids zu tun.
Photo: escuela movil
Zudem arbeite ich auch in einem weiteren Barrio namens Santiago 2, dort gebe ich auch Englisch Unterricht, hier allerdings für die ganz Kleinen (so 4-6 Jahre alt) und davon dann gleich so um die 40 Kinder. Die können gar nicht genug bekommen und fragen mich am laufenden Band alle möglichen Vokabeln und wenn sie etwas abschreiben, kommen so ca. 90% sofort danach zu mir um zu fragen ob es richtig ist. Es macht Spaß, aber einen großen Respekt an alle Lehrer. Neben dem Collegio befindet sich das „Centro Uta Waynas“ in dem ich regelmäßig meinen „Taller de Percusion con Basura, Circo y Teatro“ anbiete. Zusammen mit den Kids mache ich Percusion mit Müll also auf Plastikflaschen, Dosen und was man sonst noch so findet und wir spielen ein bisschen Theater und auch noch Zirkus, es ist also eine Mischung aus allem. Es scheint den Kids zu gefallen, vor allem wenn sie völlig neben dem Rhythmus spielen und es auf einmal echt gut klingt.
Um zum Centro zu kommen nehme ich einen der im Überfluss vorhandenen Minibusse, es sind Kleinbusse, so lang wie ein normales Auto in den man sich den Platz, wenn es hochkommt mit 16 Leuten teilen muss....ja genau ziemlich eng, aber völlig normal. Jeder Bus hat eine Nummer und zudem gibt es neben dem Fahrer eine weitere Person die permanent, die Stationen der Fahrt nach draußen schreit, die Tür öffnet und das Geld einsammelt. Sich zurecht zu finden war am Anfang gar nicht so einfach vor allem, da man nicht versteht was die Person schreit, aber mittlerweile klappt es ziemlich gut, obwohl es so um die 600 verschiedene Busnummern in ganz El Alto gibt.
Mittelpunkt jeglicher Buslinien ist eigentlich das Handelsviertel von El Alto namens „Ceja“, es ist riesig und hier bekommt man wirklich alles, und mit alles meine ich wirklich alles; von jeglichen ordinären und extraordinären Nahrungsmitteln (wie z.B Kuh- und Schweinsköpfe) über Kühlschränke bis hin zu Einspritzpumpen für Autos. Interessant dass man die verschieden Waren in jeweils einer Straße findet, so gibt es z.B. eine Straße nur mit Fahrrädern, eine mit Radios und eine mit Kleidung.
Um das ganze noch ein wenig an Größe und Volumen zu übertreffen findet jeden Donnerstag und Sonntag, ein paar Viertel weiter die „große Feria“ statt.
Dies ist ein mehrer kilometerlanger Markt, der sich ähnlich gliedert, nur halt eben noch größer ist als Ceja. Jeder versucht hier wirklich seinen Handel mit irgendetwas zu betreiben, der informelle Sektor ist in El Alto einfach gigantisch.
Vor kurzem hatten wir hier im Compa ein „encuentro de jovenes artistas“, es war ein einwöchiges Treffen verschiedener, junger Theater-und Musikgruppen (18-20 Jährige Künstler) aus ganz Bolivien. Es gab viele Diskussionsrunden über Jugend, Kunst, Kultur und Politik und zudem sind wir fast jeden Tag mit dem Theaterlastwagen in den verschieden Vierteln von El Alto unterwegsgewesen um die Künste der verschieden Gruppen zu präsentieren. An einem Tag haben wir mit der gesamten Gruppe eine Ausflug zum Titikaka See unternommen, sehr beeindruckend. Zuerst haben wir ein Konzert besucht, dann eine kleine Rundfahrt auf dem See gemacht und danach gab es das große Fußballturnier, auf dem wohl am schönsten gelegenen Fußballplatz, direkt am Ufer des Titikaka Sees. Nun wir Voluntarios hatten doch noch alle ziemlich mit der Höhe zu kämpfen, trotz unseres Größenvorteils waren wir nur mittelmäßig erfolgreich. Ein wirklich toller Tag!
Photo: Titikaka
In Sachen Theater und Zirkus ist das Compa schon wirklich auf einem ziemlich hohen Level, es gibt verschiedenste Theatergruppen, sowie auch gößere Theaterprojekte. Viele der Stücke sind aber vor allem dafür ausgelegt auf der Bühne des Theaterlastwagens aufgeführt zu werden, sie handeln von Familie, Politik und Fantasie und sind meistens recht kurze Inszenierungen mit körpersprachlichem Schwerpunkt. Zudem gibt es ein faszinierendes Theaterprojekt, dass sich die “Miene“ nennt. Hierzu hat man im Keller des Compas einige kleine Mienenschächte nachgebaut; man muss wissen dass der Bergbau (und die Ausbeutung durch die Spanier) die Menschen und die Geschichte Boliviens sehr stark geprägt hat und noch immer prägt. Es ist eine Art interaktives Theaterstück, in dem die Zuschauer ebenfalls zu Schauspielern werden; in den Mienen arbeiten müssen, von den Mienenbesitzern mehr Lohn fordern, einen Aufstand planen und durchführen und sich mit einem Mienenunglück konfrontiert sehen. Währendessen erfährt man sehr viel über den Glauben der Menschen (die Religion in Bolivien ist hauptsächlich eine Mischung aus Christentum und Naturreligion), ihr kulturelles Leben sowie ihr Schicksal.
Bezüglich des Theaters, hoffe ich sehr stark, dass die Teilnahme einiger Kids vom Compa am Weltkinder Theaterfestival in Lingen 2006 Wirklichkeit wird, sollte es das, so werden wir auch noch mit großer Wahrscheinlichkeit eine kleine Deutschland-tournee durchführen, doch bis zum jetzigen Zeitpunkt ist leider noch nicht alles absolut sicher, da wir noch in der Anmeldungs-und Planungsphase sind. Vamos a ver –wir werden sehen! Ich bin dem TPZ überaus dankbar für diese Möglichkeit.
So und nun zu unserer Gasflasche, sie ist zur Zeit politisch ein ziemlich aktuelles Thema. Die Problematik besteht darin das sehr viele Haushalte hier in El Alto mit Gasflaschen kochen und heizen, da es keine festen Gasanschlüsse gibt. Somit gibt es kleine Lastwagen die herumfahren um in den Vierteln die Flaschen zu verkaufen, nun das sollten sie eigentlich. Was sie nämlich tun,ist zu den Grenzen der Nachbarländer fahren um dort die Gasflaschen für das 4-5fache zu verkaufen. Um Gegen diese gesetzliche Misslage zu protestieren, bedienen sich die Menschen an der ja bereits bekannten Art der Straßenblockade, mit ihren Gasflaschen bilden die Menschen einfach eine Reihe quer über die Straße. Sie wissen genau welche Hauptverkehrsstraßen zu blockieren sind um die größte Effektivität zu erzielen. Es ist ein relativ hartes aber meist auch einziges Druckmittel der einfachen Menschen in El Alto wie auch in La Paz. Als wir mit der mobilen Schule unterwegs waren, haben wir ca. 1 Stunde für einen eigentlich 15 minütigen Weg gebraucht. Wir werden sehen wie sich die politische Situation entwickelt.
Photo: Bloqueo
Tja apropos Mobilität unsere Vorgänger hatten zusammen mit dem Compa eine alten Kleinlastwagen gekauft, mit alt meine ich wirklich alt: man muss ihn noch vorne am Motor ankurbeln, nun ehrlich gesagt er funktioniert überhaupt nicht, auch nicht wenn der Mechaniker, bei dem er die letzten Wochen war, das Benzin mit dem Mund ansaugt, in seinem Mund behält und dann in die Einspritzpumpe spuckt...wow ich traute meinen Augen nicht. Die eigentliche Idee war die von einer mobilen Bibliothek, die mir sehr gut gefällt, aber ich glaube wir müssen noch sehr viel Arbeit investieren damit irgendwann mal irgendetwas funktioniert.
Nun ich weiß nicht genau wieso, aber in dieser Woche habe ich auch ziemlich viel Zeit damit verbracht alle möglichen Strom und Wasserleitungen bei uns im Haus zu reparieren, ja die Stromleitungen hängen hier einfach so frei und quer im Haus und auf der Straße herum und dann reißen sie halt schon einfach mal ab. Nun bei meinem erfolgreichen Versuch die Stromversorgung in unserem Haus wieder herzustellen, habe ich auch gleich erfolgreich einen Stromschlag bekommen und weil es so schön war; das ganz gleich zweimal ...tja Simon wir haben zwar keine Taranteln, aber dafür viele andere gefährliche und kribbelnde Dinge.
Photo: unsere Straße
Mittlerweile habe ich hier auch mit Capoeira, brasilianischer Kunstkampfsport ohne Berührungen, angefangen. Es macht echt viel Spaß und durch diesen Kontakt hat es sich auch ergeben, das wir mittlerweile eine kleine Band gegründet haben, halt eine Fusion aus Bolivianern und Deutschen; mit Gitarren, Trompete und ich an den Congas. Unseren ersten Auftritt hatten wir schon auf der Geburtstagsfeier einer Disko, hier in Satelite....wir haben schöne Stücke von Buena Vista Social Club gespielt und noch weitere lateinamerikanische Stücke, mal sehen was da noch so draus wird.
Photo: Ciudad Satelite, Hausberg Illimani von La Paz
So das wars erst mal mit dem kleinem Bericht aus meinem bolivianischem Leben.
Ich danke auch allen für eure Unterstützung, zusammen leisten wir einen kleine Beitrag der die Welt verändert, Danke. Ich würde mich freuen wenn ihr noch weitere Menschen an meinen Erfahrungen teilhaben lasst, schickt ihnen einfach meine Berichte oder schickt mir ihre e-mail Adresse.
Hasta pronoto y suerte
Euer Philipp
PhilippR - 23. Okt, 23:09

