Montag, 21. August 2006

Lang Lang ist´s her

- 9. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


Tja, ich denke das ist wohl ein zutreffender Titel. Sowohl im Hinblick auf meinen letzten Bericht, der euch glaube ich irgendwann Anfang Juni erreicht hat, als auch auf meine Ankunft hier in Bolivien, die jetzt schon fast 12 Monate zurückliegt. Heute brechen 2 meiner Mitzivis schon auf in Richtung Heimat, die beiden aus Santa Cruz sind ebenfalls schon weg oder auf dem Weg. Für mich bleibt noch ein wenig Zeit. Ich werde zusammen mit Phillip, dem letztverbliebenen anderen Zivi noch die neuen Freiwilligen einführen und mich dann noch ein wenig auf reisen begeben. Für mich war die Zeit März – Juli sehr schön und sehr stressig. Aus diesem Grund kamen auch nur 2 Berichte. Nun finde ich endlich mal die Zeit, mich ein paar Stunden hinzusetzen und das zuletzt geschehene Revue passieren zu lassen. Dies soll aber nicht mein letzter Bericht sein. Ich werde zum Abschluss des Jahres nochmal etwas schreiben. Heute gehts erstmal um die Dinge, die zwischen Bericht 8. und dem aktuellen passiert sind, darunter u.a.: erfolgreiche „Deutschlandtournee Anata“, als Bär beim Karneval von La Paz, Bolivien bekommt eine neue Verfassung.

Schon seit mehr als einem Monat ist die Deutschlandtour der Anatas nun zu Ende. Danach war die Gruppe noch 2 Wochen lang auf dem Weltkindertheaterfestival, wo sie an dem internationalen Projekt „Olivers Traum“ teilnahm.

Insgesamt war die Tournee ein voller Erfolg. Die Kids hatten 34 Aufführungen in 11 Städten und obwohl wir noch keine Abrechnung machen konnten, da uns die genauen Kontodaten noch nicht vorliegen, rechnen wir mit einem Überschuss von 4000 € oder mehr. Auch in organisatorischer, kultureller , völkerverständigender und sonstiger Hinsicht bin ich mit dem Verlauf der Tournee sehr zufrieden, auch wenn einige z.T. grosse Probleme auftraten, die wir aber alle mit viel Improvisation und guter Teamarbeit zw. Deutschland und Bolivien lösen konnten. Die Rückmeldungen der beteiligten Personen, der Familien, in denen die Kids untergebracht waren, der Zuschauer und der Presse waren im allgemeinen sehr positiv. Von den Eindrücken und Erfahrungen, die die Kinder mit nach Bolivien genommen haben, gar nicht erst zu sprechen. Ich denke, dafür, dass es das erste mal war, dass sowohl COMPA als auch wir Freiwillige so etwas auf eigene Faust organisiert haben, können wir sehr stolz sein. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an alle die zum Gelingen dieser Tournee beigetragen haben.

Kurz nach dem Abflug der „Anatas“ nach Deutschland, am 10. Juni 2006 fand hier in La Paz „La Fiesta del Señor del Gran Poder“ statt, ein riesiger Karnevalsumzug zu Ehren eines Heiligen, bei dem über 50 Tanzgruppen teilnahmen. Ich und unsere damalige belgische Mitbewohnerin Manu hatten die Ehre und den Spass, bei diesem riesigen Event mitzutanzen. Don Raul, ein guter Freund und ältester Mitarbeiter des COMPA hatte uns in seine Gruppe, die „Fraternidad Diablada „Eucalyptus““, eine der angesehensten Diabladatanzgruppen, eingeladen. Diablada ist ein recht schneller und einfacher Tanz (ohne allzu schwierige Kombinationen oder Choreographien), der von sehr anstrengenden Sprüngen und Bewegungen geprägt ist. Die gesamte Tanzgruppe bestand in unserem Fall aus ca. 200 Tänzern und Tänzerinnen, aufgeteilt in verschiedene Gruppen (Diablos (Männer), Ginas (weibliche Teufel), alte Teufel, Bären und noch verschiedene andere Einteilungen). Ich tanzte bis zur Pre-Entrada (das ist sozusagen die öffentliche Generalprobe, bei der alle Gruppen meist ohne Kostüme (in schwarz) ca. 1/5 der Gesamtstrecke ablaufen) als Diablo (Teufel) mit, bis mich dann ein junger Mann ansprach, ob ich nicht Lust hätte, als Bär mitzutanzen, es würde noch einer gebraucht. So kam es, dass ich am 10. Juni 2006 gegen 2 Uhr Nachts, nach ca. 6,5 h Tanzen, völlig erschöpft, leicht betrunken und wegen dem dicken Bärenkostüm klatschnass am Ende des Umzuges angekommen war. Die Zeit vorher war ein einzigartiges Erlebnis. Da die Bären (insgesamt waren wir 4 Stück) vorrangig die Aufgabe haben, das Publikum anzuheizen und sich dabei völlig frei bewegen können (zumindest habe ich mir diese Freiheit einfach genommen), hatte ich bei dem Umzug einen Heidenspass. Während meine Kollegen relativ steif darauf achteten, den traditionellen Bären abzugeben, war meine Version eher die des ausgeflippten, clownesken, lachenden und weinenden arschwackel- und Moonwalkbären. Kam bei den Leuten aber hervoragend an und ich musste sogar während des Tanzens ein Fernsehinterview geben.

Ich und meine Mitbewohnerin Manu beim Gran Poder Karneval in La Paz

Die nachfolgende Zeit wurde zum einen durch die Deutschlandtournee und durch dass grosse „Fahrerproblem“ geprägt (Tom, den wir eigentlich als Fahrer für den 2. Tourabschnitt eingeplant rief uns 2 Tage vor der Übergabe an und sagte, er habe gar keinen Führerschein – war aber ein Kommunikationsfehler unsererseits), zum anderen durch die tägliche Arbeit, die auch schon in der gesamten Zeit vor der Tournee wie gewohnt weitergelaufen war. Ich möchte nicht viele Worte darüber verlieren, ich führte die Workshops so weiter, wie schon in den vorrigen Berichten beschrieben. Erwähnenswert scheint mir der Theaterworkshop in einem der Randbezirke von El Alto, der sich meiner Meinung nach wirklich sehr gut entwickelt hat. Die Arbeit mit den Jugendlichen (alles zw. 14 und 19) gehört zu den Workshops, die mir am meisten Spass machen. Inzwischen sind 4 Monate seit Beginn des Workshops vergangen und ich bin in vieler Hinsicht sehr zufrieden mit dem Erreichten – das liegt denke ich zum Teil aber auch an meinen inzwischen schon etwas heruntergeschraubten Ansprüchen und Erwartungen. Die Gruppe – fast ausschliesslich Kinder von Bauern, die erst in den letzten Jahren nach El Alto emigriert sind und insofern in mancher Hinsicht mit einer recht schwierigen Geschichte – ist (besonders wenn man es mit dem Anfang vergleicht) zu einem richtig guten Team geworden. Und obwohl ich mit vielem, besonders was Ausdruck und Körpersprache betrifft, noch recht unzufrieden bin, haben sich die Jungen und Mädchen auch individuell stark entwickelt, vor allem hinsichtlich Selbstbewusstsein und Berührungsängsten. Einer hat letzte Woche sogar ein kleines Pantomimestück einfach mal so ohne grosse Ankündigung präsentiert. Viele, besonders auch der Mädchen, haben glaube ich Theaterfeuer gefangen und ich hoffe, dass die Gruppe auch nach meiner Abreise, evtl. geleitet von einem Nachfolgerzivi, weiterbesteht. Trotz Zufriedenheit über den Verlauf des Workshops stehe ich dem jedoch mit Zweifeln gegenüber, weil ich inzwischen doch recht gut die Art der Bolivianer kenne. Bis zu 1,5 h zu spät kommen, nie zu Hause üben, chronisch Sachen vergessen etc. Können eine Gruppe schnell wieder kaputt machen.

Gegen Ende Juni fuhr ich gemeinsam mit meinem Zivikollegen Phillip nach Cochabamba (Cbba.)um dort die von ihm konstruierte und von uns gemeinsam fertiggestellte neue tragbare „Mobile Schule 2“ zu übergeben. Das Funktionsprinzip ist das gleiche wie bei der mobilen Schule in La Paz, nur dass man die neue bequem zu zweit transportieren kann, ohne dazu einen Lieferwagen zu benötigen. Sie kommt im COMPA Cbba. nun auch regelmässig zum Einsatz. In den 3 Tagen dort hatten wir denn auch noch 2 Auftritte mit der Trommelgruppe aus La Paz bei einem Festival zugunsten von arbeitenden Kindern. Ausserdem kam es mehr oder weniger zufällig zu einem weiteren Auftritt des Trios „Largo Titi Caca“ (Phillip, unser Vorzivi Karl, der ebenfalls in Cochabamba zu Besuch war, und ich). Wir hatten 2 Wochen vorher ein kleines Artistik-, Clown-, Strassentheaterprogramm einstudiert und auch schon mehrmals in La Paz aufgeführt.

Ich blieb dann noch eine weitere Woche dort um einfach nach all dem Stress mit der Tournee (die zu dem Zeitpunkt in ihrer letzten Woche steckte) ein wenig zu entspannen - das Klima ist in Cochabamba sehr angenehm mediterran – und mit den Leuten vom COMPA Cbba. zu arbeiten. Ich führte ein wenig in den Gebrauch der mobilen Schule ein und im Gegenzug lernte ich ein wenig über Bau und Gebrauch von Handpuppen. Ausserdem arbeitete ich mit den „Doktores de Alegria“, zu deutsch Clowndoktoren. Das sind 2 Teams von je 4 Jugendlichen (Schauspielern), die 2 mal in der Woche in ein Krankenhaus und in ein Altenheim gehen und ca. 3 Stunden mit den Menschen dort arbeiten. Im Krankenhaus besuchten wir die Station, in der ausschliesslich Kinder mit (teiweise extremen) Verbrennungen liegen, später die normale Kinderstation „Brüche und Operationen etc.“, und als letztes die Station, in der Fälle mit Infektionen, Alergien etc. liegen. Mit jedem Patient (fast ausschliesslich Kinder von 5-13 Jahren) verbringen die Doktores (jeder hat einen Clownsnamen, ich zum Beispiel BAMBAM, andere Lilita, Locoto, Upa o.ä.) ca. 10 Minuten (Unterhalten, Spielen, Fernsehen, Schabernack treiben usw.). Ich führte ausserdem ein paar Zaubertricks vor und jonglierte ab und zu. Die Doktores arbeiten in dieser Weise ein ganzes Jahr lang (sie bekommen auch Geld dafür, von einer Stiftung) und müssen sich für diesen Job bewerben (ca. 20 Bewerber auf 10 Plätze jedes Jahr). Jeder muss eine medizinische Basisprüfung ablegen. Ein Doktor kann sich jedes Jahr aufs neue bewerben. Die Arbeit in dem Altenheim gestaltet sich ganz anders als im Krankenhaus. Frauen und Männer sind in 2 verschiedenen Trakten des Altenheims untergebracht, und so wird zunächst ausschliesslich mit den Frauen gearbeitet (die fast alle senil sind und teilweise äusserst verrückt), später dann mit den Männern. Die Männer sind weniger, haben so scheint es mir einen noch recht interessanten, wenn auch nicht sehr abwechslungsreichen Tagesablauf (z.B. Gartenarbeit), und hier sprachen wir vor allem recht intensiv, z.B. über Deutschland, spielten Schach oder Dame, alles in allem eher erwachsen. Bei den Frauen war alles viel chaotischer, lauter, kindlicher, teilweise aber auch lustiger. Ich unterhielt mich lange mit einer Taubstummen auf Zeichensprache. Da ich nach dem Zeichensprachekurs vor ca. 3 Monaten doch schon wieder recht eingerostet war, kam mir das sehr gelegen, obwohl Sie auch nicht gerade ein Experte auf dem Gebiet war. Wir konnten uns aber dennoch sehr gut verständigen.

Am 17. Juli war es dann soweit. Meine Eltern, die bereits eine Woche vorher in Peru angekommen waren, kamen nach La Paz. Nachdem wir zunächst 2 recht ruhige Tage in La Paz verbracht hatten, ging es dann zum Salar de Uyuni, einem der grössten Salzseen der Welt und der in seiner Umgebung liegenden bizarren vulkanischen Landschaft. Wir machten dort eine Tour von 3 Tagen und fuhren dann gleich wieder zurück. Auf jeden Fall ein Muss für alle, die mal nach Bolivien kommen, obwohl es fast schon unausstehlich touristisch ist. Im Gegensatz zur riesigen Feria von El Alto, auf die sich kaum einmal ein Tourist verirrt, die aber meiner Meinung nach sehr sehenswert ist, vorausgesetzt man kann ein wenig spanisch und nimmt keine Wertsachen ist. Wir besuchten die Feria an einem wunderschönen Sonntag und besonders mein Vater war stark beeindruckt von all den Waren, die man hier findet. Noch am gleichen Nachmittag ging es dann per 20 Mann Flugzeug nach Rurrenabaque in den Dschungel, wo wir 3 super Tage im Grasland (Pampa) bzw. auf einem Fluss im Grasland verbrachten (incl. Krokodile, Schwimmen mit Flussdelphinen – toll –, hunderten Schildkröten, Affen, einer Anaconda um den Hals, Piranyafischen und vielem anderen). Wieder sehr touristisch aber das kann man leider nur schwer umgehen.

Beim-Piranhafischen

Wieder in La Paz, konnten meine Eltern noch bei der Minenpräsentation des COMPA mitmachen, und die überall in der Stadt stattfindenden öffentlichen Proben für die „Entrada Universitaria“ – das gleiche Spektakel wie beim Gran Poder, aber fast ausschliesslich Studenten – bestaunen, bei der ich ebenfalls mittanzte, und zwar in der Gruppe „Facultad Mecanica Phugllay (anderer Tanz)“. Bzw. wollte ich mittanzen, war dann aber am Umzugstag und Abreisetag meiner Eltern zu kaputt, um um 7 Uhr aufzustehen und mir 2 Kg schwere Schuhe unter die Füsse zu schnallen. Insgesamt war es eine sehr schöne Zeit mit meinen Eltern, auch wenn es durch gleichzeitiges so viel wie möglich weiterarbeiten meinerseits manchmal etwas stressig war.

Über 3 Wochen sind seit dem vergangen, mit Workshops, intesiver Vorbereitung der Ankunft der neuen Voluntarios und Nachbereitung der Anata-Tour, Willkommens- und Abschiedsfeiern, Reisevorbereitung und Vorbereitung eines Strassentheaterprogramms für 1 und mehr Personen. Und mit der Eröffnung der verfassungsgebenden Versammlung in Sucre. In einem Jahr werden die ca. 250 Vertreter aus allen Teilen des Landes, die am 2. Juli gewählt wurden eine neue Verfassung präsentieren, die die Zukunft Boliviens bestimmen wird und auf die grosse Hoffnungen gesetzt werden. Ein grosser Streitpunkt, über den in einem Volksreferendum (ebenfalls 2.7.) abgestimmt wurde, ist die Autonomiefrage insbesondere des Departamentos Santa Cruz. Hier sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung für eine (wohlgemerkt: vor allem wirtschaftliche und verwalterische) Autonomie aus. Unter welchen Bedingungen diese eingeführt wird, wird allerdings ebenfalls in der verfassungsgebenden Versammlung entschieden. Leider kann ich euch aus Informationsmangel nicht viel mehr darüber sagen, ausser dass bei der Eröffnung der Marsch der Völker stattfand, bei dem Vertreter der über 50 verschiedenen Urvölker Boliviens teilnahmen. Ich konnte Teile des Marsches und die Anschliessende (sehr indigen geprägte) Feier im Stadion von Sucre am Fernseher mitverfolgen. Es war mehr als eindrucksvoll.

Mit diesen Worten möchte ich auch schon schliessen. Die nächsten Tage werden noch einmal geprägt sein von viel Arbeit und schwerem Abschiednehmen, aber auch noch einmal von einer sehr intensiven Woche mit den neuen Voluntarios und Mitarbeitern von COMPA in einem Seminarhaus in Cochabamba. Wie immer gibts auf www.sechsinbolivien.twoday.net noch einmal den gleichen Bericht mit Fotos (zumindest mit dem Foto „Christoph als Bär“)

Macht es gut, ich vermisse euch, haltet aus, spätestens an Weihnachten bin ich wieder da.

Euer
Christoph

PS: Das Teatro Trono ist heute ab nach Deutschland geflogen, um dort mit der KinderKulturKarawane 2 Monate noch bis Ende Oktober durch Deutschland und Dänemark zu reisen. Ist ne tolle Truppe, die es Theatermässig wirklich drauf hat. Wenn ihr Zeit habt, schauts euch an. Hier der Link zum Tourplan: http://www.kinderkulturkarawane.de/2006/teatrotrono/index.htm - Falls ihr die Jugendlichen sehen solltet, bestellt einen schönen Gruss von mir und fragt Ivan, den Leiter nach dem COMPA Dokumentalfilm. Da ist nämlich meine Stimme drauf.

6 deutsche Zivis in El Alto

Christoph W., Sebastian R., Phillip S., Christian P., Julius J., Julian G.

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