Dienstag, 21. Februar 2006

Teatro Trono on Tour

- 6. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -

28 Menschen, 24 Tage, 6 Städte... die Tour des Teatro Trono durch fast ganz Bolivien ist zu Ende und wir sind, erschöpft aber glücklich, und um viele Erfahrungen reicher wieder zu Hause in El Alto.

Christoph als Anwalt

Ich will in meinem heutigen Bericht fast ausschließlich von unserer Rundreise berichten, die uns von La Paz nach Santa Cruz, Villamontes, Tarija, Sucre, Potosi, Oruro und schliesslich wieder zurück nach La Paz geführt hat. Es wird also viel um Theater gehen, um meine Erlebnisse während der Tour und um die Städte, in denen wir Station gemacht haben. Ab und zu habe ich Einträge aus meinem Reisetagebuch übernommen (kursiv).

Zuerst aber zur Situation vor der Tour: Im Vorfeld der Tournee gab es natürlich einiges vorzubereiten, und während die Bolivianer in unserer Arbeitsstelle ihre verschiedenen Theaterstücke probten, Trommeln bauten, Requisiten bauten, Kostüme nähten etc. arbeiteten auch wir täglich ca. 3 Stunden an unserem Theaterstück. Das bedeutete zu nächst einmal die Dialoge schreiben, dann mit einem Freund aus unserer Strasse auf sprachliche und grammatische Fehler überprüfen, anfangen zu proben, Texte umschreiben, Passagen streichen, Szenen stellen, auswendig lernen, intensiv proben, Freunden vorspielen, verbessern, Kostüme und Requisiten besorgen, proben, proben, proben... Als wir das Stück schließlich genau einen Tag vor Abreise der Truppe vorstellten, dauerte das Stück zwischen 35 – 40 Minuten und hatte noch einige Schwachstellen. Es war in etwas mehr als 2 Wochen entstanden. Wir haben dann drastisch gekürzt, wobei teilweise ganz interessante Stellen gestrichen werden mussten, und nach der 3. Aufführung während der Tour waren wir bei nur noch 20 Minuten. In dieser Form kam das Stück dann aber wirklich gut an. Sowohl was den Lachfaktor im Publikum betrifft als auch inhaltlich. Der Plot ist recht simpel. Phillip, ein Freiwilliger aus Deutschland will ein kostenloses Visum für ein Jahr bekommen und verliert sich dabei in einem Labyrinth aus Bürokratie und Korruption. Zweite Hauptfigur ist ein Musiker, der gleich am Anfang auftritt und in einer Ansprache an das Publikum das Stück einführt.

Phillip und der bolivianische Musico

Unser Held geht daraufhin zur Einwanderungsbehörde, die ihm eine riesige Liste mit zu besorgenden Dokumenten übergibt. Wieder draußen begegnet er einem Mann, der ihn erst einmal über die Ausweglosigkeit der Bürokratie aufklärt und ihm zum schnelleren und absolut sicheren Weg der Korruption rät. Doch Phillip beschließt den Weg durch die Institutionen auf sich zu nehmen, und so begegnet er in einer sehr abwechslungsreichen Szene „korrekten“ Beamten, dümmlichen Sekretärinnen, Direktoren, Kopiererinnen, Ärzten, Anwälten, Fotografen, die ihm entweder Geld aus der Tasche ziehen oder ihm gerade nicht helfen können oder wollen, weil z.B. gerade Mittagspause ist.

Fotographenszene

Christian als Sekretaerin

Als er schließlich alle Dokumente hat, kommt in der Einwanderungsbehörde der herbe Rückschlag. Der Direktor ist neu, und er macht deutlich, das ein Visum unter keinen Umständen möglich ist. Am Ende tritt dann wieder der Musiker auf, der dem enttäuschten Phillip erst einmal von seinen Einwanderungsproblemen in Europa berichtet und ihn dann lehrt, das ganze etwas lockerer zu sehen und die Hoffnung nie zu verlieren, das sich die Dinge verändern können. Daher auch der Titel: „Proxima Estacion: Esperanza“ (Nächste Station: Hoffnung – in Anlehnung an ein sehr schönes Album von Mano Chao). Das Ende bildet dann der Baloo-Song „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Dschungelbuch – natürlich auf spanisch.

Am 24. Januar ging es dann gegen 11 Uhr Abends endlich los nach Santa Cruz. Die einzelnen Teilstrecken zwischen den Städten wurden vom Größten Teil der Gruppe mit dem Autobus bewältigt. Ab und zu fuhr ein Teil auch mit dem Theaterlastwagen des COMPA mit, der sowohl den kleinen Transporter, als auch jegliches sonstiges Gepäck, die Trommeln, Kostüme, Zirkusmaterialien, Rucksäcke, Ton- und Lichtanlage sowie Werkzeug transportierte.

Unsere erste Station war Santa Cruz de la Sierra, im östlichen Tiefland Boliviens gelegen. Die Stadt ist in den letzten 30 Jahren zur wirtschaftlich wichtigsten Stadt Boliviens gewachsen und hat inzwischen mehr als 1,1 Mio. Einwohner.

Santa Cruz

Man kommt sich vor wie in einem anderen Land. Nicht nur wegen der Hitze und der Feuchtigkeit. Es ist ein anderes Leben hier, wobei, ich kenne es nun nur gerade einmal knappe 5 Tage. Die Sprache: schneller, irgendwie nuschelnd, man verschluckt das ‚s’... Auch gibt es hier keine Minibusse, ich nehme an wegen der Hitze. Vermutlich würde man sich schlicht totschwitzen oder ersticken bei 16 Leuten in einem Mini, wie in La Paz. Stattdessen Colectivos – in Größe und Aussehen vergleichbar mit den Schulbussen in Nordamerika – und Taxis. Wobei die meisten Fahrer ihre normalen Sitze gegen Wäscheleinendrahtsitzgestelle ausgetauscht haben, der enormen Hitze wegen. Niemand trinkt hier Wasser. Nur Bier und Erfrischungsgetränke (Cola und noch viel schlimmeres Zeug). Das Leben ist weitläufiger hier. Mir scheint es weniger eng und arbeitsam als in El Alto. Die Menschen sind anders, cowboyhafter, sexier – irgendwie frecher und kommunikativer. Sympatisch. Santa Cruz ist in Ringen aufgebaut, welche sich kreisförmig um das Zentrum ziehen. Je weiter man in die äußeren Bezirke kommt, desto ländlicher wird es. Viel Grün. Auch das ein krasser Unterschied zum kahlen Altiplano. Überall riecht und klingt es nach Tropik. Die Zweigstelle des COMPA liegt ein wenig außerhalb, zwischen dem 4. und 5. Ring. Ein sehr schönes Haus mit großem Hof und Hahnenkampfarena nebenan. Ein bestenfalls langweiliger Sport, nebenbei. Dicke Männer in Anzugshosen und offenen Hemden. Goldzähne. Schlaksige Typen in Unterhemden, schlaksigere Hähne. Sehen alle gleich aus, wie Hähne eben, nur mit einer Figur die der eines Preisboxer gleichkommt. Manche haben kaum noch Federn. Der Kampf besteht aus vornehmlich aus Gegacker, Belauern und Gehacke. Man fragt sich ob der Boxsport ein Abkömmling des Hahnenkampfes ist, so sehr ähneln sich manche Bewegungen. Liegt ein Hahn dann endlich am Boden, wird der Kampf beendet. Das Ritual der Wetteinsätze bleibt mir ein Geheimnis. Ständig werden aus allen Richtungen während des Kampfes Angebote ausgerufen. Wer jedoch auf wen, mit wem, gegen wen und wie hoch wettet scheint nach mir undurchschaubaren Regeln vonstatten zu gehen.

In der Gegend von Santa Cruz leben übrigens in verschiedenen Kolonien ca. 25.000 Mennoniten, welche noch Althochdeutsch sprechen, und in manchen Bereichen leben wie im 16. Jahrhundert. Ist sehr interessant und ich kann euch nur empfehlen, mal etwas über deren Lebensgewohnheiten im Internet nachzulesen.

Von Santa Cruz, wo wir insgesamt 8 mal spielten, ging es weiter Richtung Süden in die relativ unbedeutende Stadt Villamontes, welche in den Sommermonaten, also genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir da waren, die heißeste Stadt Boliviens ist. Im Chaco-krieg zwischen Bolivien und Paraguay rückte die paraguayische Armee bis vor die Tore der Stadt. Dieser Krieg gehört vielleicht zu den sinnlosesten der Weltgeschichte. Es gab nämlich überhaupt keinen Grund für die beiden Völker, gegeneinander zu kämpfen. Der Krieg wurde von zwei Ölgesellschaften forciert, die beide die angeblich reichen Ölvorkommen im Chacogebiet, welches teils in Bolivien, teils in Paraguay verläuft, für sich erobern wollten. Zu diesem Zweck wurde auf bolivianischer Seite eine Armee aufgestellt, welche hauptsächlich aus Indios vom Altiplano zusammengesetzt war. Das diese, nicht an Hitze und Trockenheit gewöhnt, gegen die gutausgerüstete und zahlenmässig überlegene Armee des Gegners, keine Chance hatte, war vorrauszusehen. Der traurige Witz bei der ganzen Sache ist, das in dem Gebiet, um das gekämpft wurde, nie Öl gefunden wurde. Heute wird dort allerdings Gas gefördert. In der Stadt, die eigentlich mehr als ein großes Dorf zu bezeichnen ist, gibt es ein kleines Museum, welches die Historie des Krieges erzählt, die verschiedenen wichtigen Schlachten nachstellt und in dem es einiges Kriegsgerät und Hunderte von Fotos zu besichtigen gibt. Der Soldat, der hier seinen Dienst ableistet und Führungen macht, erzählt glaube ich jedem der kommt von seinem unbeschreiblichen Pech, in dieses kleine, langweilige Nest verlegt worden zu sein, in dem man in seiner Uniform und den Stiefeln täglich aufs neue den Hitzetod stirbt.

Die Reise nach Villamontes war für die meisten der schrecklichste Teil der gesamten Tour. Wir fuhren mit dem Zug, was normalerweise zu begrüßen gewesen wäre, jedoch nicht unbedingt bei Nacht durch ein Gebiet, welches von Moskitos nur so wimmelt. Der ganze Zug war bei Einbruch der Dunkelheit mit Ungeziefer jeglicher Größe gefüllt und die meisten konnten die ganze Nacht kein Auge zudrücken. Mir ging es dagegen besser, ich hatte eine noch freie Bank gefunden, auf der ich wenigstens ein paar Stunden schlafen konnte.

Nachdem wir in Villamontes nur einen Zwischenstopp von knapp 2 Tagen eingelegt hatten, ging es in die weitaus schönere und vom Klima sehr angenehme Stadt Tarija, die unter anderem für guten Wein und schöne Frauen bekannt ist.

Plaza Central de Tarija

Wir haben das Glück, für die nächsten 5 Tage in einem wunderschönen Zentrum für Kinder in „Problemsituationen“ untergebracht worden zu sein. Die Kinder, die hier unter der Woche leben und unterrichtet werden, kommen aus Familien, die nicht in angemessener Weise für sie sorgen können. Meist herrscht große Armut u/o Gewalt. Viele der Kinder waren kurz davor Straßenkinder zu werden, als sie in das Zentrum kamen. Meist sind es Nachbarn oder Verwandte, die die Arbeiter dieser sogenannten Solidaritätsherberge auf Kinder mit Problemen aufmerksam machen. Manche der Kinder haben verdammte harte Geschichten zu erzählen. Einige sind Waisen oder Halbwaisen. Am Wochenende kehren die Kinder allerdings wieder in die Familien zurück. Sie sollen den Kontakt nicht verlieren. Tarija ist wie Gardasee im Sommer. Die Stadt liegt auf 2000 m und dehalb ist es hier nicht ganz so drückend wie z.B. in Santa Cruz. Meistens geht ein guter Wind, sodass es sich hier wunderbar aushalten lässt. Deshalb ist die Zeit hier auch eher von relaxen, lesen, schreiben, bummeln und Fussball spielen geprägt, als von Aufführungen und Workshops. Obwohl wir eigentlich jeden Tag mindestens eine Aktivitaet haben

Bisher bin ich noch sehr wenig auf den eigentlichen Zweck der Tournee, nämlich das Auftreten in den verschiedensten Städten eingegangen. Das möchte ich jetzt nachholen.

Nach einem jeden Auftritt, neige ich dazu, mich erst einmal 5 Minuten alleine irgendwo hinzusetzen und einfach nur zu entspannen. Meist war das nicht möglich. Der Lastwagen musste von einer Theaterbühne wieder zu einem Lastwagen werden, die Trommeln gegen den Regen geschützt, Vorhänge abgehängt, Kostüme und Requisiten verstaut und schussendlich zusammen mit dem ganzen anderen Material und sonstigem Krimskrams, Holzlatten, Eisenstangen, Metern an Seil, Plastikplanen etc. auf den Laster gepackt werden. Der Lastwagen war Transportmittel und Bühne zugleich.

Fahrt auf dem Theaterlastwagen

Wenn wir in der Innenstadt oder auf dem zentralen Platz einer Stadt auftraten, gab es fast immer Probleme. Kabel hingen zu tief, Kurven waren zu eng. Wir kamen zwar immer an, jedoch meistens war die Ladefläche voll mit abgebrochenen Ästen und Blättern im Weg hängender Bäume. Wer die Fahrt zum Auftrittsort hinten auf dem Laster verbracht hatte, hatte meist ein kleines Abenteuer hinter sich. Dagegen waren die Auftritte in einem Dorf oder einem der äußeren Teile einer Stadt, die etwas seltener stattfanden nicht minder aufregend. Mehr als einmal gruben sich die Räder in den Sand oder den Schlamm, so dass Teile der Gruppe teils stundenlang damit beschäftigt waren, dieses riesige Gefährt wieder auf befestigte Strasse zu befördern, während die anderen auf der Strasse oder auf einer improvisierten Bühne auftraten. Theater auf dem Theaterlastwagen war viel mehr als nur auftreten. Mit der Zeit wurde die Gruppe aber eingespielter was den Aufbau der Bühne und die Installation der notwendigen Ton-, Licht- und sonstigen Elemente betraf. Die Bühne bestand aus einer heruntergeklappten Seitenwand und der Ladefläche des Lastwagens. Wobei auf den beiden Seiten jeweils ein kleiner Bereich abgegrenzt war, in dem sich umgezogen und vorbereitet werden konnte. Meist wurde auf der Rückseite ebenfalls ein kleiner Teil der Seitenwand heruntergeklappt, über den man mittels einer kleinen Leiter auf die Bühne gelangen konnte. Sonst war dies nur noch von vorne über eine Holztreppe möglich.

Unsere Buehne...

Während des gesamten Aufbaus und der Vorbereitung musste sich jeder Einzelne auch noch meist selbstständig schminken. Schwarzer Schminkstift oder Pinsel: Augen, Nase, Mund verstärken, Konturen, etc. mehr nicht. Wobei es viele, insbesondere der jüngeren übertrieben und sich irgendwelche Punkte, Sonnen, Tränen oder was auch immer auf die Wangen und um die Augen malten.

Tambores de Hojalata

Die einzelnen „espectáculos“ wurden immer durch die meist aus 10 – 12 Spielern bestehenden „Tambores de hojalata“, den Blechtrommeln eröffnet. Die ganze Gruppe lief dann erst einmal trommelnd durch die Strasse oder über den Platz, um die Aufmerksamkeit der Leute zu wecken, was fast immer sehr gut gelang. Zwei helle Snaretrommeln – heller, rasselnder Klang – führen und treiben das ganze an, während der Rest der Gruppe auf Basstrommeln verschiedener Größe meist recht eingängige Rhythmen trommelt. Ich für meinen Teil finde einige der Rhythmen durchaus langweilig, obwohl einige der Stücke auch sehr einfallsreiche Wechsel und Stopps enthalten. Leider wurde der Unterhaltungswert der Truppe etwas durch die oft ausdruckslose, fast gelangweilte Mimik der meisten seiner Mitglieder gemindert. Ich begann deshalb in Tarija als Tänzer, Clown und Animateur aufzutreten, um sowohl die Zuschauer, als auch die Gruppe ein wenig in Schwung zu bringen.

Nach den Trommeln kam der Zirkus mit einem festen Programm, das zum einen aus Akrobatik, zum anderen aus Jonglage, Diabolo, Einrad, und verschiedenen anderen Tricks bestand. Die Akrobatiknummer bildeten 2 bolivianischen Mädchen zusammen mit mir und einem der anderen Deutschen. Wir wurden gegen Ende dann immer als „Akrobatik mit Bam-Bam und Mustafar“ angekündigt, was uns immer fast aus der Rolle brachte. Seit den Proben mit der Zirkusgruppe habe ich bei den Bolivianern den Spitznamen „Bam-Bam“, aus welchen Gründen weiß ich nicht ganz genau. Jedenfalls bestand die Nummer aus ein paar Übungen aus dem Buch „Akrobatik mit Kindern“ die eigentlich doch recht gut ankamen.

Das Programm folgte seinem Lauf, meistens mit dem „Teatro Trono Aleman“, also uns deutschen, deren Stück ich ja eben schon beschrieben habe. Dann kam das echte Teatro Trono, deren Stücke und Spielweise ich im folgenden mal ein bisschen erläutern möchte. Man kann diese Art Theater zu „machen“ nämlich nur schwer mit dem deutschen Theater-Theater beschreiben. Es ist Theater, das ursprünglich von der Strasse kommt, und für die Strasse bestimmt ist. Keines der Stücke dauert länger als 20 Minuten, es gibt kaum Requisiten, die Ausdruckskraft des Körpers steht im Vordergrund. Die Themen sind entweder politisch oder gesellschaftskritisch. Z.B. gibt es ein Stück mit dem Namen: „Das Land, welches eines Tages den Krieg kaufte“. Dort stellen die über 15 Schauspieler erst einmal mit ihren bloßen Körpern ein produktives Volk dar, Fabriken, ein Schlachtbetrieb, Verkauf, etc. Bis ein ausländischer Händler ihnen zur Verteidigung ihres Hab und Gutes, einige Waffen verkauft und sie daraufhin mit einem ebenfalls ausländischen General in den
Krieg ziehen, solange, bis keiner mehr übrig ist. Dem daraufhin bestürzten und ratlosen Präsidenten des Landes bleibt nichts anderes übrig, als die wirtschaftliche und natürlich ausbeuterische „Hilfe“ desselben Händlers anzunehmen, der ihn vorher beschwatzte seine Waffen zu kaufen, zur Abwehr der ach so vielen Gefahren von außen. Das Trono arbeitet mit einfachsten Mitteln und dennoch sehr ausdrucksstarkem Theater. Neben diesem Stück wurden auch noch der „Mercado International“, in dem es um die wirtschaftliche Ausbeutung der Entwicklungsländer durch die Industrieländer geht (wie das oben beschriebene eine Adaption aus Büchern von Eduardo Galeano) und das bekannte Stück „Des Kaisers neue Kleider“ von Andersen mit auf die Tour genommen. Außerdem verschiedene kleinere Stücke und Pantomimen aus dem Repertoire der Gruppe, die meist selbstgeschrieben wurden und von denen einige von den Erfahrungen der Straßenkinder erzählen, die das Teatro Trono gegründet haben. Nahezu alle Stücke haben einen satirischen Charakter und in manchen wird die Obrigkeit und die Kirche auf den Arm genommen.

Den Abschluss einer jeden Aufführung bilden dann wieder die Trommeln, gemeinsam mit den Artisten vom Zirkus, die dann zu der Musik jonglieren und andere Tricks machen, und einem ausgeflippten Tänzer, der die Leute noch mal zum Lachen bringt. So lief es im Prinzip bei fast jeder Aufführung, wobei es immer anders und deshalb immer wieder aufs neue ein Erlebnis war. Mal spielte man auf einem total belebten Platz, mal in einem eher ländlichen Viertel, wo plötzlich jeder der Einwohner seine Arbeit liegen lässt, um zuzuschauen, mal in einem kleinen Nest, überall auf dem Theaterlastwagen. Mal auf einer Freiluftbühne in einem Zoo, der extra wegen uns keinen Eintritt verlangt. Mal in einem Projekt, mal im Theater einer Universität. So ging dass von Stadt zu Stadt. Und so wie es in jeder Stadt unterschiedliches Brot gibt, gibt es bei jeder Aufführung ein anderes Publikum.

Am wenigsten aufregendes gibt es eigentlich aus Sucre zu berichten, obwohl die Stadt ja die offizielle Hauptstadt und Sitz des obersten Gerichtshofes Boliviens ist. Dort waren eigentlich in Zwei Tagen 4 Auftritte – unter anderem in einem großen geschlossenen Theater – , mehrere Fernseh- und Radiointerviews und Workshops in 3 verschiedenen Projekten geplant. Leider wurde, als man merkte, dass man sich ein wenig übernommen hat, ein großer Teil der Veranstaltungen gestrichen, und so blieben nur 3 Auftritte übrig. Die Fahrt nach Sucre war dennoch sehr ereignisreich, da sich unser Bus, bei der Überquerung eines durch starke Regenfälle entstandenen Flusses ca. 1,5 Meter tief ins Wasser versenkte und nur mittels zweier Baulaster und einem riesigen Bagger, wieder herausgezogen werden konnte, indem man kurzentschlossen den Fluss mit 10 Ladungen Erde umleitete. Den Regen bekamen wir auch während eines Auftritts zu spüren, als mitten in unserem Stück ein heftiger Platzregen herunterging. War aber im Nachhinein eher eine Bestätigung, da nahezu alle der knapp 100 Zuschauer, trotz weniger Regenschirme oder sonstigem Schutz, blieben, um sich das Stück anzusehen.

Sucre

Sucre ist mir aber als Stadt sehr positiv in Erinnerung geblieben. Die Altstadt ist ähnlich der in Tarija. Enge Gassen, viele schöne, weißgetünchte Häuser, zumindest in meinem Gedächtnis. Viele der Indigenas hier tragen die traditionellen Gewänder der Umgebung. Es gibt auch ein Museum für indianische Textilkunst. Noch beeindruckender ist aber die „Casa de la libertad“, in der 1825 die Unabhängigkeitserklärung Boliviens (vormals Alto Perus) unterschrieben wurde. Man bekommt hier die Geschichte des Landes sehr authentisch und direkt vermittelt.

Nach der Zeit in Sucre ging die Reise weiter in die ehemals reichste Stadt des ganzen Kontinents: Potosí. Heute ist das Departamento Potosí das ärmste Boliviens. Die Stadt, die heute 165.000 Einwohner hat verdankt ihre Existenz dem Silberreichtum ihres Hausberges, dem „Cerro Rico“ (reicher Hügel). Unvorstellbar große Mengen an Silber wurden zwischen 1550 und 1660 von den Spaniern aus dem Kegelförmigen, in verschiedensten Rottönen leuchtenden Berg gesaugt, die den Reichtum im aufstrebenden Europa sicherten. Die Indios schufteten sich unter elendsten Bedingungen in den Minen zu Tode. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“, von Eduardo Galeano.

Wir nutzen unseren freien Tag in Potosí, um eine der noch arbeitenden Minen zu besichtigen. Da gerade Sonntag und Karneval war, war allerdings kein einziger Minenarbeiter da, so dass wir schließlich von einem kleinen Jungen von ca. 11 Jahren in eine Mine geführt wurden. Es war fast erschreckend, wie professionell der kleine und führte. Fast wie ein Führer in einem Museum (Haben Sie Fragen, möchten Sie ein Foto machen ?) erzählte er uns die Geschichte der Mine, des „Tio“, dem Schutzpatron einer jeden Mine, dem Zigaretten in den Mund gesteckt und Alkohol über die Gliedmassen geträufelt wird, für Glück und Stärke der Minenarbeiter, und aus dem Leben der Minenarbeiter. Seine Eltern sind tot und so lebt er zusammen mit seinen 3 Schwestern und einigen Minenarbeitern in einer Lehmhütte am Ausgang der Mine. Die Kinder organisieren, von der Schule – immerhin gehen sie zur Schule – bis zum täglichen Essen, alles selbst.

Die beiden Aufführungen in Potosi waren insbesondere für mich sehr interessant, da meine Rolle als Alleinunterhalter nun auf ein anderes Level gehoben wurde. Als bei der 1. Aufführung ca. 100 Schulkinder gespannt auf einer steinernen Tribüne saßen und ansehen mussten, wie die Trommelgruppe sich einfach entfernte, um noch mehr Leute anzulocken, sprang ich kurzerhand ein und mir gelang es, durch einfachste Dinge (Passanten imitieren, Grimassen schneiden etc.) die Leute bis zur Rückkehr der Trommeln zu unterhalten. Der Effekt war dann, dass die Kinder jedes Mal wenn ich die Bühne betrat, manchmal auch nur um einen Stuhl hinzustellen, anfingen zu lachen. Das Ganze erweiterte ich dann während der folgenden Aufführungen zu einem kleinen Programm mit Publikumssketchen und kleinen Pantomimen.

Wie ihr euch vorstellen könnt, gab es neben den zahlreichen positiven Erfahrungen, auch ein paar Probleme, die mir insbesondere im 2. Teil manchmal Kopfzerbrechen bescherten. Zum einen war die Kommunikation zwischen uns Deutschen und den Bolivianern teilweise sehr schlecht. Wir wurden, so kam es mir zumindest vor, oft nur sehr unzureichend in die Organisation verschiedener Programmpunkte mit eingebunden, obwohl wir darauf aufmerksam machten, sowohl das Potenzial, als auch die Zeit dafür zu haben. Manchmal wurden uns Dinge, Änderungen oder Probleme gar nicht oder zu spät mitgeteilt.

Ein weiterer Punkt war meiner Meinung nach die fehlende Reflexion. Es gab so gut wie nie eine Nachbereitung der Aufführungen, obwohl einige Stücke der Bolivianer, aber auch wir deutschen ein Feedback teilweise dringend nötig gehabt hätten. Dabei muss die Hauptkritik eigentlich an den beiden Hauptverantwortlichen geübt werden, die zwar oft viel um die Ohren und deshalb nicht viel Zeit hatten. Es kam jedoch häufiger vor, dass beide am Ort der Aufführung waren, sich die einzelnen Nummern aber nicht anschauten, sondern entweder miteinander oder mit einer 3. Person redeten oder sich ausruhten. Bis zum Ende hatte unser Stück noch einige sprachliche Mängel, auf die uns niemand aufmerksam machte. Und viele, besonders der jungen Schauspieler hätten ein wenig Lob oder aber auch konstruktive Kritik gebraucht. Wenn es mal große Gesprächsrunden mit der ganzen Gruppe gab, wurden darin meistens über nichtige Kleinigkeiten oder über Probleme einzelner geredet, selten über Inhalt oder Ablauf der Auftritte. Auch nach der Reise gab es bisher keine Reflexion. Wenn überhaupt wird diese in frühestens 2 Wochen stattfinden.

In Oruro schloss unsere Tour dann mir einigen sehr schönen Aufführungen ab, von denen besonders die letzte hervorzuheben ist, bei der wir aufgrund krankheitsbedingtem Ausfall von Phillip unser Stück umbesetzten und zusammen mit einigen Bolivianern eine sehr gelungene Aufführung hinbekamen. Ansonsten gibt es von Oruro nicht viel zu berichten, außer Karneval. In Oruro gibt es nach Angaben der Stadt den besten, tollsten und schönsten Karneval der Welt, noch besser als der in Rio. 2 Wochen vorher wird dort immer am Wochenende so etwas wie Vor-Karneval gefeiert, bei denen die Tanz und Musikgruppen schon einmal proben. Während dieser Zeit gibt es, wie auch im ganzen Land, den hübschen Brauch, dass alle Kinder und Jugendlichen ständig Wasserbomben und Spritzpistolen bei sich tragen und nahezu alles nass machen, was ihnen in die Quere kommt. Besonders Mädchen und Frauen sind stark davon betroffen, und in Oruro sind diese kleinen Späße teilweise zu riesigen Schlachten ausgeartet, bei denen sich dann entweder 2 Gruppen gegenseitig bekriegen, oder aber bis zu 30 – 40 Jungen hinter einem Mädchen herrennen, welches meistens nicht in Ruhe gelassen wird, bis es von oben bis unten klitschnass ist, inklusive Schulmaterial. In El Alto angekommen sind wir dann auch schon einigen Male mit Wasserbomben regelrecht überfallen worden, wobei es meistens glimpflich ausging.

Charquekan - Essen in Oruro

Am 24. werden wir uns wieder nach Oruro begeben, um dort mit 10 anderen Freiwilligen und den Leitern unserer Organisation den richtigen Karneval erleben werden, bevor es zum eigentlichen Zwischentreffen, mit Workshops, Vorträgen, Reflexionen etc, nach Cochabamba weitergeht.

Also, das ist jetzt ein verdammt langer Bericht geworden, aber ich hoffe, er ist dennoch lesenswert und ihr langweilt euch nicht. Falls doch, sagt bitte Bescheid, ich bin immer offen für Kritik und Verbesserungen.

Bis bald,
euer Christoph

Gruppenfoto

6 deutsche Zivis in El Alto

Christoph W., Sebastian R., Phillip S., Christian P., Julius J., Julian G.

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