Freitag, 20. Januar 2006

Urlaub und die Ruhe vor dem Sturm ?

- 5. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


Dieser Bericht handelt von Urlaub. Von Weihnachten und Silvester. Und von der bevorstehenden Tournee, die uns 4 Zivis aus El Alto gemeinsam mit dem Kulturzentrum COMPA durch ganz Bolivien führen wird. Und natuerlich von Politik.


Doch zunächst einmal möchte ich noch einmal rückblickend auf die Präsidentschaftswahlen vom 18. Dezember eingehen. Wie schon berichtet wurde Evo Morales, dem Vertreter des linken Bündnisses MAS (Movimiento al Socialismo) die größten Chancen eingeräumt. Er gewann die Wahlen mit einer unerwartet hohen Mehrheit von 51,1 %. Das hat in den letzten 20 Jahren kein einziger Kandidat geschafft. Insofern war der Tag der Wahlen ein herausragendes Ereignis in der Geschichte Boliviens. Nicht nur, dass erstmals ein Indigena zum bolivianischen Staatsoberhaupt gewählt wurde, die Klarheit seines Sieges ist auch ein Zeichen dafür, das er es vielleicht schaffen kann, die verschiedenen Volksgruppen des Landes aneinander heranzuführen. Denn der MAS konnte sowohl in den Departements des Altiplano, in denen vorwiegend Aymara und Quechua leben, als auch in den anderen Departements hohe Prozentzahlen erreichen. Im Departement Santa Cruz, das als sehr konservativ und eher rechtsgerichtet gilt, kam der MAS mit 32,7 % auf den 2. Platz hinter der neoliberalen Partei PODEMOS. Diese Partei wurde insgesamt zweitstärkste Kraft hinter dem MAS. Die Unidad Nacional (UN) belegte wie erwartet den 3. Rang, allerdings mit enttäuschenden 8,1% der Stimmen.
Insgesamt beteiligten sich etwas mehr als 3 Millionen Menschen an den Wahlen was ca. 40 % Prozent der Bevölkerung entspricht. In Anbetracht der Tatsache das weitere 40 % der Bevölkerung nicht Wahlberechtigt sind, eine recht ordentliche Zahl. Und so sprachen viele der Journalisten und Politiker an diesem Tag von einem Sieg der Demokratie. Allerdings muss man auch bedenken, dass wer nicht zur Wahl geht ernsthafte Probleme bekommt, wenn er eine Arbeit finden will. Fast 7 % der Wahlzettel wurden leer abgegeben.

Obwohl Evo mit fast 20 Prozentpunkten vor PODEMOS liegt, wird er nicht ohne die anderen großen Parteien regieren können. Im Parlament besitzt der MAS mit 65 von 157 Sitzen zwar die Mehrheit, allerdings nur mit 4 Sitzen vor PODEMOS mit 61. Diese Angleichung der Mehrheiten resultiert hauptsächlich aus den Wahlen der Direktmandate, die PODEMOS eindeutig für sich entscheiden konnte. Diese Partei hat auch im Senat die Mehrheit.

Evo Morales wird am 22. Januar als Präsident hier in La Paz vereidigt werden. Das dies ein wirklich historisches Ereignis in der Geschichte Lateinamerikas ist zeigt das angekündigte Kommen von Persönlichkeiten wie Hugo Chavez, Fidel Castro, Gabriel Garcia Marquez, Rigoberta Menchu und anderen. Laut Ivan, dem Leiter meiner Arbeitstelle wird die Nacht auf den 23. Januar eine einzige große Party. Die Zeit seit den Wahlen ist allerdings, so scheint es mir zumindest, die ruhigste Zeit seit meiner Ankunft hier. Man wartet. Vielleicht kommt nach der Ruhe ja der Sturm. Änderungen der Politik sind jedenfalls so gut wie sicher.

Nebenbei sei noch bemerkt, dass in einigen deutschen Medien im Vorfeld oft ein recht verzerrtes Bild von Evo Morales wiedergegeben wurde. Im Tagesspiegel Berlin erschien bspw. Artikel, der in weiten Teilen ein unserer Meinung nach völlig falsches Bild der derzeitigen Situation wiedergibt. Ein Grund für die falsche Berichterstattung mag besonders die hiesige Konfusion während des Wahlkampfes gewesen sein, was die Zukunft von Gas- und Ölressourcen Boliviens angeht. Insbesondere wurde der Begriff Verstaatlichung (aller möglicher Dinge) so oft „missbraucht“, das am Ende eigentlich niemand mehr wusste, was denn jetzt wer genau machen will. Am wenigsten Ahnung hatten vermutlich die Journalisten.


Aufgrund der Feierlichkeiten hat das COMPA auch seine Tournee verlegt , die durch fast alle größeren Städte Boliviens führen wird. Vom 24. Januar bis zum 16. Februar wird gereist, Theater gespielt und politische Arbeit gemacht. Der „Teatro Camion“ Theaterlastwagen wird zunächst in Santa Cruz, dann in Tarija, Potosi und Oruro Halt machen. Danach geht es über die Hauptstadt Sucre wieder zurück nach El Alto. In jeder dieser Städte werden wir und ca. 18 bolivianische Jugendliche und 5 Betreuer sowohl auf der mobilen Bühne dieses Lastwagens auftreten, als auch auf öffentlichen Plätzen und wahrscheinlich in dem ein oder anderen Theater.

Wir haben in diesem Zusammenhang ein eigenes Stück geschrieben, das von unseren vergeblichen Bemühungen ein kostenloses Jahresvisum zu erhalten, handelt. Dabei trifft die Hauptperson, ein deutscher Volutario, immer wieder auf Menschen, die ihm einerseits Einblicke in die bolivianische Kultur eröffnen und ihn auf der anderen Seite auf die Probleme ihres Landes aufmerksam machen. Außerdem versuchen wir auch ein wenig auf die hiesigen Vorurteile gegenüber Deutschland einzugehen (Hitler; Bier etc.). Derzeit sind wir dabei, das Stück zu proben und bühnenreif werden zu lassen. Insgesamt gibt es ca. 17 Charaktere von denen 16 Charaktere nur von 3 Leuten gespielt werden. Insofern steht noch ein recht hartes Stück Arbeit vor uns, was die Koordinierung von Abläufen, das Basteln von Requisiten und die Beschaffung von Kostümen betrifft. Glücklicherweise hilft uns ein bolivianischer Jugendlicher bei der Textarbeit. Außerdem werden wir bei den Akrobatiknummer des Circusworkshops mitmachen und vielleicht noch bei der ein oder anderen Jonglagenummer. Außerdem wird unsere Arbeit im Auf- und Abbau der Bühne und in der Organisation der Auftritte bestehen. Neben den gemeinsamen Auftritten mit der gesamten Gruppe werden wir auch in Kleingruppen arbeiten und Straßentheater machen. Daneben möchte ich auch noch einige Sozialprojekte (bes. in Santa Cruz) besuchen. Ich bin sehr glücklich über diese einmalige Möglichkeit, fast das ganze Land einmal weniger aus der Sicht eines Touristen kennen zu lernen, sondern als Teil des COMPA mit einer konkreten Aufgabe. Ich hoffe, die Tour wird ein Erfolg und wir haben ausreichend Gelegenheit, uns die Städte auch ein wenig anzusehen.


Am 13. Januar hatten wir ein Gespräch mit Frau Irene Tokarski von der Deutschen Botschaft in La Paz. Sie ist eine der Verantwortlichen für die Koordination der deutschen Entwicklungshilfe in Bolivien. Außerdem arbeitet sie als Dozentin im Fach Theologie an der katholischen Universität La Paz. Es war ein interessantes und Aufschlussreiches Gespräch in sehr freundlicher Atmosphäre. Themen waren unter anderem die deutsche Entwicklungshilfe in Bolivien und die derzeitige politische Situation.

Die deutsche Entwicklungshilfe hier konzentriert sich auf folgende drei Schwerpunkte: Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, nachhaltige Landwirtschaft, wozu auch die nachhaltige Entwicklung von Naturschutzgebieten zählt, und Demokratieförderung. Die Hauptarbeitsgebiete sind ländliche Gebiete und kleinere Städte, wie z.B. das Dschungelgebiet nördlich von La Paz, der Chaco, die alten Minengebiete nördlich von Potosi. Die Arbeitsgebiete sind alles starke Armutsregionen.

Die deutsche Botschaft ist, was Entwicklungshilfe betrifft, das Koordinierungszentrum innerhalb Boliviens. Hier laufen die verschiedenen Stränge zusammen. Auf der einen Seite sind da die großen deutschen Entwicklungshilfeorganisationen wie die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit – macht u.a. viel Beratung im Bereich Lokalpolitik), oder die KFW (Kreditanstalt für Wiederaufbau – sie stellt vor allem günstige Kredite zur Verfügung, gibt aber auch Schenkungen), sowie Personaldienste wie der DED (Deutscher Entwicklungsdienst – welcher vorrangig mit Zivilgesellschaften zusammenarbeitet, aber auch mit Municipien), die bolivianischen Institutionen Fachpersonal anbieten, die vor Ort nicht zur Verfügung stehen. Meistens wird dann für ein bestimmtes Projekt ein Vertrag zwischen der Bundesregierung und einer der Entwicklungshilfeorganisationen geschlossen. Auf der anderen Seite hält die Botschaft natürlich Kontakt zu den bolivianischen Behörden und Organisationen (wie z.B. das Landwirtschaftsministerium). Das Ziel ist laut der Mitarbeiterin der Botschaft grob gesagt, auf der einen Seite vor Ort eine nachhaltige Entwicklung in den drei oben genannten Bereichen zu fördern, und auf der anderen Seite eben auf Departamentaler und nationaler Ebene dementsprechende Politik der bolivianischen Behörden zu erreichen und dabei die Erfahrungen vor Ort mit einzubringen.

Deutschland liegt, was die Höhe der Entwicklungshilfe betrifft nach den Vereinigten Staaten und Japan an dritter Stelle. Danach kommt noch die Niederlande. Wobei die höhe der finanziellen Hilfe von den Ländern selbst angegeben wird und beispielsweise das Gehalt der Entwicklungshilfebeauftragten der deutschen Botschaft auch mit eingerechnet wird. Auch die Methoden sind unterschiedlich, beispielsweise wird von den USA viel Aufwand und Geld in die Drogenbekämpfung gesteckt, wobei man hier den Begriff Entwicklungshilfe hinterfragen muss, da Teile der Gelder nicht in nachhaltige Projekte fließen und bei denen vorrangig eigene Ziele eine Rolle spielen (Unterbindung des Drogenhandels in die USA). Aber es gibt auch zahlreiche andere, durchaus beispielhafte Projekte, z.B. in den Bereichen Gesundheit und Erziehung, aber auch Kultur. Die Japaner machen sehr viele konkrete Dinge (Bau einer Schule o.ä.) und sind deshalb bei der Bevölkerung auch sehr beliebt. Auch die Europäische Union ist vertreten. Sie arbeitete in den letzten Jahren besonders stark in der Region Chapare, eines der Kokaanbaugebiete, aus dem auch Evo Morales stammt.

Bolivien ist das von Entwicklungshilfe abhängigste Land Lateinamerikas. Vor einigen Jahren gab es 1800 verschiedene staatliche Projekte, die gefördert wurden. Ein riesiger Aufwand, wenn man bedenkt, das normalerweise für jedes Projekt einmal im Jahr ein Evaluierungsbericht geschrieben werden muss, der je nach Geldgeber unterschiedlichste Kriterien zu erfüllen hat. In Bolivien gibt es ein eigenes Vizeministerium (Ministerio de Planification y Financimiento), welches für die verschiedenen Projekte zuständig ist. Alle 3 Jahre gibt es Verhandlungen zwischen Deutschland und Bolivien, in denen insbesondere die zukünftigen Schwerpunktthemen und Regionen besprochen werden und gemeinsame Ziele vereinbart werden. Bis zu einem konkreten Projekt kann es allerdings noch lange dauern. Von der Idee bis zum Beginn der eigentlichen konkreten Planung kann schon mal ein Jahr vergehen, was hauptsächlich an dem hohen bürokratischen Aufwand und an den recht häufigen Regierungswechseln hier in Bolivien liegt. Die Durchführungszeit liegt bei bis zu 10 Jahre. Alle Projekte sind darauf ausgelegt, später selbstständig von den Bolivianern weitergeführt werden zu können. Die großen Organisationen schicken Entwicklungshelfer (Fachleute), die das Projekt aufbauen und später übergeben. Es gibt Großprojekte, wie der Bau einer Kläranlage und die sog. „Kleinstprojekte zur Armutsbekämpfung“ (Umfang: bis 8000 €). Dazu gehört bspw. eine Bewässerungspumpe.

Ein größeres Projekt ist z.B. der biologische Anbau von Kaffee im Madidi-Nationalpark im Norden von La Paz. Ziel ist es, den Bewohnern des Naturschutzgebietes einen Unterhalt zu garantieren, damit diese nicht den Wald abholzen, jagen, überfischen etc. Der sehr hochwertige Kaffee wird von einer Kaffeehauskette hier in La Paz abgenommen. Die allgemeinen Bedingungen für die Realisierung eines Projekts sind in der Regel immer die Einhaltung der Menschenrechte, Bürgerbeteiligung, Gleichberechtigung der Geschlechter und in vielen Fällen der Umweltschutz. Wobei dieser in einem Land, das vorrangig mit riesigen Armutsproblemen zu kämpfen hat, öfters mal auf Probleme stößt.

Nach den Aussagen von Frau Tokarski wird stark auf Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit mit den Bolivianern Wert gelegt, wobei natürlich in der Praxis auch manche Projekte nicht so laufen wie man sich das vorstellt. Im Gegensatz zu manchen anderen Nationen wird darauf geachtet, dass möglichst niemand (z.B. deutsche Multinationale Firmen) von der Entwicklungshilfe profitiert, außer die an dem Projekt beteiligten Menschen. In den meisten Fällen versucht die deutsche Entwicklungshilfe eine politisch neutrale Stellung einzunehmen. So auch bei den Verhandlungen über Abbau und Verkauf der bolivianischen Gas- und Ölressourcen, bei denen es durchaus Geldgeber gab – insbesondere die Länder, deren Firmen an der „Ausbeutung“ der Ressourcen beteiligt sind – die versucht haben, bestimmte Bedingungen durchzusetzen, von denen das eigenen Land profitiert. Insofern scheint die deutsche Entwicklungshilfe nach meinem Eindruck im Vergleich zu anderen Ländern hier in Bolivien recht vorbildlich zu sein. Es gibt allerdings auch Fälle, die Anlass geben, dies anzuzweifeln. Dazu gehört auch das Verhalten der GTZ während der Wasserkriege in Cochabamba 2002.

Neben dem Aufgabenfeld Entwicklungshilfe ist die Botschaft natürlich auch noch die Vertretung der Bundesrepublik Deutschland, und des weiteren Anlauf- und Beratungsstelle für alle Deutschen. Insbesondere wenn es um Rechts- und Konsularfragen geht.

Ausserdem haben wir Frau Tokarski auch noch zur aktuellen Politik befragt. Es folgt ein nachbearbeiteter Mitschnitt des Gesprächs:

Was halten Sie persönlich von Evo Morales und den neuesten politischen Entwicklungen in Bolivien ?

Nun, zum einen muss man festhalten, das noch niemand mit einem solchen Ergebnis in Bolivien eine Wahl gewonnen hat. Ich denke, dass dies insgesamt, im Hinblick auf die Ausgangssituation im Dezember der bestmögliche Ausgang ist. Wenn es zu einem Patt (zwischen Evo und PODEMOS) gekommen wäre, und dieser Stillstand – weder vor noch zurück – weitergegangen wäre, das wäre sicherlich schlechter gewesen. Viel kann man im Moment nicht sagen, jetzt muss man schauen was er macht. Die Stimmung im Volk ist, so wie ich das mitbekommen habe, sehr gut. So gut wie schon lange nicht mehr. Sogar die oberen und mittleren Schichten sagen: Jetzt lassen wir ihn mal machen. Vielleicht klappt es ja. Mal sehen. Evo scheint mir, im Gegensatz zu Chavez (Venezuela), der ja immer wieder versucht, ein wenig gegen die USA zu rebellieren, ein recht kluger Staatsmann zu sein, dessen Programm und dessen Aussagen sich in den letzten Jahren sehr deutlich entradikalisiert haben. Auch das Programm des MAS ist durchaus vernünftig und gut. Und die Partei besteht ja aus einer Reihe Intellektueller und Fachleute aus den verschiedensten Bereichen. Der Punkt ist eben, das keiner von denen vorher schon einmal politische Arbeit gemacht hat. Insofern muss man natürlich auch damit rechnen, dass Fehler gemacht werden.

Was ist der Standpunkt der Bundesregierung ? Gibt es eine Stellungnahme ?

Nein. Ein Glückwunschtelegramm von Frau Merkel, mehr nicht. So wie das in solchen Situationen üblich ist. Das ist auch ganz klar, Evo ist ein demokratisch gewählter Präsident, mehr braucht die Bundesregierung dazu auch nicht zu sagen.


In meinem letzten Bericht habe ich ganz vergessen, wie die Geschichte mit unserem Visum weitergegangen ist. Nun ja, nachdem wir alle nötigen Dokumente besorgt hatten – und dafür etliche Stunden Zeit und einiges an Geld geopfert hatten – ging es mal wieder zur Einwanderungsbehörde, voller Hoffnung, endlich ein Visum zu bekommen. Wir hatten noch genau 3 Tage bis zur Illegalität. Leider hatte der Chef der Migracion gewechselt und nun saß ein, wie wir später erfuhren, noch größerer Verbrecher hinterm Schreibtisch, als vorher. Phillip, unser Ländersprecher sprach mit ihm, und nachdem er ohne Begründung verneinte, es hätte jemals auch nur die Hoffnung auf ein Visum gegeben, wurde Phillip etwas lauter. Worauf Herr „Rodriguez“ nur meinte, es gefiele ihm nicht, in welchem Ton Phillip spräche, und außerdem sei es unsere eigene Entscheidung gewesen, hierher zu kommen. Dann verlangte er auch noch 600 Bolivianos (60 €) von uns mit dem Hinweis, einer unser Stempel sei ungültig. Demnach wären wir 60 Tage illegal hier gewesen und müssten pro Tag einen € zahlen. Natürlich völliger Schwachsinn und ein Versuch, mal eben ein wenig dazu zu verdienen. Wir haben nicht gezahlt.

Tja, danach erst einmal Ratlosigkeit. Dann die Idee, wir gehen zur Botschaft. In der Botschaft empfängt uns Herr Mathias Müller, der eigentlich keine Ahnung hat, dies auch zugibt und mit uns sofort zu einem gewissen Herrn Seligmann – Deutschbolivianer und schon seit 30 Jahren für die Botschaft arbeitend – führt. Herr Seligmann ruft einen Kumpel an – keine Ahnung wen - und bittet freundlich darum, doch so bald es geht mit seinen „Stempelchen“ vorbeizuschauen. Einen Tag später hat jeder von uns 2 neue Stempel (Einreise – Ausreise) in seinem Pass mit weiteren 90 Tagen Legalität. Ausserdem hat Seligmann mit dem Vizeaussenminister telefoniert, der dafür sorgen soll, dass wir so bald es geht ein Diplomatenvisum erhalten. Und weil sich dies wegen Wahlen, Regierungswechsel etc. noch ein wenig verzögern kann, sollen wir einfach in 3 Monaten wiederkommen, zwecks Stempelerneuerung. Manchmal muss man eben zurückschummeln.

Nun vielleicht noch kurz zu Weihnachten und Silvester. Wie ich ja schon angekündigt hatte, waren wir über die Feiertage 12 Deutsche (6 Zivis aus Bolivien, 2 aus Peru, eine Freiwillige aus Kolumbien, sowie 3 Weltbereisende). Nachdem wir am Vorweihnachtsabend es endlich geschafft hatten, den gesamten Müll (eine Kleinlasterladung voll von allem möglichen Gerümpel und Dreck von tausend Jahren) von unserer Garage in einen Müllcontainer zu befördern, konnten wir das Weihnachtsfest ausgeglichen und guter Stimmung begehen. An Heiligabend wurde auf dem Dach ein Grill gebaut und es gab ein wirklich fulminantes Weihnachtsgrillen mit allerlei Saucen, Salaten etc. Den Höhepunkt bildeten in der Glut gebackene Bratäpfel mit Mandelfüllung und selbstgemachter Glühwein. Später wurde dann ein echter Weihnachtsbaum angezündet (die Kerzen) und die von mir in einer Wochenendschicht gebackenen Plätzchen gegessen. Alles in allem ein toller Abend. Am 25. ging es dann Abends hinunter nach La Paz zum Llama essen und feiern.

Silvester war ebenfalls sehr schön. Wir feierten in Cusco (Peru), wobei schon die Fahrt dorthin sehr erlebnisreich war. Cusco war früher die Inkahauptstadt und wurde als der Nabel der Welt bezeichnet. Leider hatten wir aufgrund Zeitmangels keine Gelegenheit, die zahlreichen Ruinen in der Gegend anzuschauen. In Cusco selbst gibt es nicht so viele Übrigbleibsel aus der Inkakultur, dafür aber einige Kirchen und andere Bauten aus der Kolonialzeit. Was vielleicht auch noch interessant ist: Peru ist ca. doppelt so teuer wie Bolivien, zumindest in einigen Bereichen. Außerdem ist Cusco so verdammt touristisch, dass es teilweise wirklich ungemütlich wird. Unser Silvesterfest bestand aus Kürbissuppe, Mousse-au-Chocolat, Cocktails und Vorfeiern in der Freiluftküche unseres Hostals, sowie einer riesigen Party auf dem zentralen Platz in Cusco mit Hunderten von Menschen (Einheimische und Touristen).

Am 1. Januar ging es dann gleich morgens wieder zurück nach La Paz, was sich als sehr anstrengend herausstellte. Da ich nur noch wenig Geld hatte, bestand mein Proviant für die mehr als 12stündige Fahrt aus gerade mal einer Flasche Wasser. Außerdem musste ich ständig darum Bangen, ob ich es noch rechtzeitig, d.h. vor Schließung der Einwanderungsabfertigung, d.h. legal, über die Grenze schaffen würde. Als ich schließlich zuhause war, hatte ich gerade mal noch genau 1 Boliviano (10 Eurocent) übrig.

Doch die Tortur hatte sich gelohnt, denn am nächsten Tag ging es los auf eine zwar größtenteils verschneite und verregnete 4-Tägige Wandertour auf alten Tiwanaku- pfaden hinunter in die Yungas. Insgesamt bewältigten wir dabei einen Höhenunterschied von mehr als 3500 m (von 4800 auf 1300). Trotz des Regens, der anfänglichen Kälte und am Ende haufenweise Moskitos, hat sich dieser Trip wirklich gelohnt, besonders aufgrund der überwältigenden Landschaft und des Naturerlebnisses. Am letzten Tag wurde dann noch bei ca. 30 Grad ein Bad im Fluss genommen, bevor es auf dem Rücken eines Lastwagens wieder hoch ins kalte La Paz ging. Die Tour hatten Ivan, ein Betreuer eines der Zentren in denen wir arbeiten und Phillip, unser Ländersprecher organisiert, vielen Dank dafür nochmals.



Tja, soweit sogut, ich hoffe ihr alle hattet ebenfalls ein schoenes Weihnachtsfest und seid gut ins neue Jahr gekommen. Mein naechster Bericht wird wohl hauptsaechlich von der Trono-Tournee handeln und so um den 20. Februar erscheinen.

Bis dahin, machts gut.
Christoph


PS: Von dem Geld, das durch den Verkauf von bolivianischen Muetzen und Schals eingenommen wurde, habe ich einen 1.-Hilfe-Koffer fuer das Jugendzentrum „SerJoven“ gekauft, in dem ich Theaterworkshops mache. Weitere Anschaffungen bzw. Aktivitaeten werden demnaechst realisiert werden. Vielen Dank erst einmal an Luki und Rikki

6 deutsche Zivis in El Alto

Christoph W., Sebastian R., Phillip S., Christian P., Julius J., Julian G.

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