Freitag, 6. Januar 2006

Der große Wandel

- 4. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


In genau 4 Tagen, am Sonntag den 18. Dezember wird in Bolivien ein neuer Präsident gewählt. Aus diesem Anlass schicke ich euch meinen Bericht schon ein paar Tage früher als sonst und habe meinen Artikel über die derzeitige politische Lage angehängt, der auch in unserer Freiwilligenzeitung erscheinen wird.

Wenn man auf die Strasse geht, Fernsehen oder Radio anschaltet, ist vor allem von einem die Rede. Vom Wandel. El „Cambio“ soll alles besser werden lassen, und obwohl einige Parteien gar nicht so sehr für ihn stehen, wird er doch von allen gepriesen. Und noch etwas ist ganz erstaunlich: Für alle Bolivianer soll er sein, der Wandel. Und trotz fast unüberschaubaren Problemen, glauben alle daran. Zumindest alle Politiker. Im Volk ist vor allem eines zu erkennen. Unzufriedenheit, Unsicherheit und Misstrauen. Mehr möchte ich gar nicht dazu schreiben, nur soviel. Mein Eindruck ist dass eigentlich niemand so recht weiß, ob diese Wahlen wirklich etwas ändern werden, und dass es durchaus zu neuer Gewalt kommen kann. Egal wer an die Macht kommt.

Alles weitere zu den Wahlen findet ihr in meinem Artikel: Der-Bettler-auf-der-goldenen-Bank (pdf, 192 KB)

Nun aber noch kurz zu meiner Arbeit. Eigentlich hat sich nicht viel neues getan, außer das hier seit einer Woche Ferien sind und deshalb die Schulen geschlossen sind. Die Folge davon ist, dass wir ein wenig mehr Freizeit haben, die ich unter anderem für das schreiben von Artikel benutze. Und für das Spanischlernen in Form von Gesprächen und Literatur.

Außerdem arbeite ich seit ca. 2 Wochen als Basketballtrainer in der Behindertenschule, in die wir auch mit der mobilen Schule gegangen sind. Die Arbeit macht wirklich sehr viel Spaß. Die „Mannschaft“, die sozusagen neu gegründet wurde besteht aus ca. 9 Taubstummen und 2 geistig Behinderten und einem körperlich Behinderten. Und mir. Erstaunlicherweise ist die Kommunikation gar nicht so schwierig. Man verständigt sich immer irgendwie. Das einzige was wirklich anstrengend ist, ist das man nicht einfach mal ordentlich rumbrüllen kann bis keiner mehr dribbelt oder irgendwas anderes macht. Wenn ich pfeife oder rufe hört mich eben niemand. Und die drei die mich hören, können sich nicht lange konzentrieren und albern dauernd rum. Trotzdem ist es eine sehr spaßige Angelegenheit und die Kids lernen teilweise echt schnell. Der beste Spieler ist einer der beiden geistig Behinderten. Er hat es zwar technisch überhaupt nicht drauf, aber er hat eine sehr gute Übersicht. Leider kann man ihm auch fast nichts beibringen, weil er sich wie gesagt nie auf eine Sache konzentrieren kann und total hyperaktiv ist. Die anderen werden ihn also evtl. bald überholt haben. Das einzige große Problem besteht beim Spiel. Als Schiedsrichter braucht man immer ewig lange um das Spiel zu stoppen, weil einen eben keiner hört. Ich werde deshalb versuchen, einen Fluter zu organisieren, um bei Regelverstößen durch Lichtsignale auf mich aufmerksam machen zu können. Heute habe ich mir aber vorerst mal den Basickurs bolivianische Zeichensprache kopiert.

Neben meiner sonstigen regelmäßigen Arbeit (Englisch; Theater) habe ich diese und die letzte Woche zusammen mit einem aus dem Zentrum einen Menschenrechtsworkshops für Kinder aus einem anderen Kulturzentrum angeboten. Wir haben dabei auch sehr viel mit Theater gemacht, besonders bei den Themenschwerpunkten Selbstbewusstsein und Identität. Weitere Themen waren die Rechte der Kinder, und der Umgang mit der Umwelt. Bei dem letzten Thema aber hat mir der Arbeitsstil meines bolivianischen Kollegen Rätsel aufgegeben. Er brachte Müll mit in den Workshop. Zum einen wollte er damit demonstrieren, dass es verschiedene Arten von Müll gibt (Kompost, Plastik etc.). Die zweite Erkenntnis, die er vermittelte war, dass man Müll nicht wegwerfen soll, sondern dass man aus einigen Sachen ja wunderbar Spielzeug machen könne. Das stimmt ja auf der einen Seite, andererseits ist es nicht sehr weit gedacht. Ich denke es ist viel wichtiger, den Kindern beizubringen, ihren Müll verantwortungsvoll zu entsorgen und nicht einfach auf die Strasse zu schmeißen. Leider konnte ich danach auch noch miterleben, das selbst der Instruktor nichts aus seinen eigenen Reden gelernt hatte. Kaum hatten wir das Zentrum verlassen, landete der mitgebrachte Müll auf der Strasse.
Ansonsten ist der Workshop aber sehr gut gelaufen.

Ansonsten gibt es vorerst nichts neues zu berichten, außer dass wir einen Wasserrohrbruch haben und dass die Weihnachtszeit hier eher zu wünschen übrig lässt, was Festlichkeit und gemütliches Beisammensein angeht. Über die Feiertage wird sich das vielleicht ändern. So etwas wie Advent oder Nikolaus gibt es hier nicht.

In diesem Sinne, Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr euch allen. Den nächsten Bericht gibt’s im Januar. Fotos auf der Homepage.

Christoph

6 deutsche Zivis in El Alto

Christoph W., Sebastian R., Phillip S., Christian P., Julius J., Julian G.

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