Donnerstag, 5. Oktober 2006

Auf Reise

Auf Reise
- 10. und letzter Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


Ich bin in Peru. Mein Freiwilligendienst ist zu Ende. Über 2 Wochen ist es her, dass ich mich vom COMPA und seinen Mitarbeitern verabschiedet habe, und in vieler Hinsicht vermisse ich sie alle schon. In diesem Bericht will ich noch einmal zurückblicken auf die fast 13 Monate hier in Bolivien, ein wenig unsere bisherige Reise beschreiben und mich als Berichteschreiber verabschieden.

Doch vorher noch kurz zu den neuen Freiwilligen, die nun seit Anfang September in Bolivien sind, und die Arbeit im COMPA La Paz, Cochabamba und Santa Cruz schon begonnen haben. Wir haben mit den 10 Leuten (darunter 2 Mädchen) zwei meiner Ansicht nach sehr erfolgreiche Wochen der „Übergabe“ gemacht. Eine Woche in El Alto und La Paz – hier bekamen sie noch einmal einen Sprachkurs, lernten so gut wie alle unserer Arbeitsstellen, die ganzen COMPA Mitarbeiter und Trono-Schauspieler sowie die wichtigsten Kontaktpersonen und natürlich La Paz und El Alto kennen – und danach eine Woche Seminar zusammen mit den wichtigsten COMPA Mitarbeitern in Cochabamba. Hier fanden zahlreiche Workshops zu Theater, Puppentheater, Zirkus und den COMPAtypischen Tambores (Trommeln) statt. Jeder der Freiwilligen leitete ebenfalls einen eigenen Workshops – von denen ich sehr begeistert war, wir hatten Kampfkunst-, Bodypercussion-, Graffitti-, Flamenco-, Kunst aus Müll und noch einige andere Workshops, die besonders für den bolivianischen Teil der Gruppe eine echte Horizonterweierung darstellten – und es gab Präsentationen und Debaten zu verschiedenen Themen.

Zum Abschluss des Seminars trat die ganze Gruppe mit mehreren Theaterstücken, die teilweise auf dem Seminar entstanden waren, den Trommeln und einigen Zirkusnummern, auf zwei grossen Plätzen in Cochabamba auf. Beide Auftritte waren nicht angekündigt, und dennoch hatten wir nach meine Einschätzung insgesamt ca. 400 Zuschauer, was für Strassentheater schon eine ordentliche Leistung ist. Für mich bedeuteten die Auftritte auch das letze Mal Theaterspielen mit dem COMPA, weshalb ich und Phillip auch bei ca. der Hälfte des über 1stündigen Programms als Schauspieler oder Artisten mitmachten. Mich hat es besonders gefreut, noch einmal mit den beiden Kreativchefinnen Coral und Raquel vom COMPA La Paz und meinem Mitzivi Philipp zusammen aufzutreten, die ich im letzten Jahr sehr lieb gewonnen habe. Wir spielten das ca. 15 Minütige Stück „Martha und Mamerto“, das sich auf lustige und sehr kritische Weise mit der Rolle von Frau und Mann in Südamerika beschäftigt. Ausserdem spielten wir „La Flor – die Blume“ und „El Kaiman – der Alligator“.

Ich denke dass wir den neuen Freiwilligen einen recht guten Einstieg geben konnten. Uns ging es vor allem darum, bei der Woche in Cochabamba einen Raum für intensives kennenlernen von Bolivianern und Deutschen zu schaffen, im persönlichen Gespräch, bei den Workshops, durch das gemeinsame Erlebniss im Allgemeinen. Für die Freiwilligen in El Alto ist die Einführung in das bolivianische Leben und die Kultur noch nicht zu Ende. Sie werden noch bis zum 15. Oktober in COMPA - Familien aus El Alto leben.

Rückblick: Alles in allem bereue ich keinen Tag, den ich in El Alto verbracht habe. Mir hat dieses Jahr hier persönlich sehr viel gebracht, das COMPA ist ein Ort, in dem man äusserst viel lernen kann, nicht nur was Theater oder andere eher artistische Sachen angeht. Auch das selbstständige Leben im Ausland und in einer WG waren wichtige Erfahrungen. Und trotz oder vielleicht auch gerade weil es im COMPA auch sehr viele interne Probleme gibt, weil die Arbeit nicht immer einfach, sondern im Gegenteil oft sehr schwierig und das Jahr auch nicht nur frustfrei ablief, bin ich froh es genau hier verbracht zu haben.

Der Wert meiner Arbeit für die Menschen, mit denen ich gearbeitet habe – was ja meist ausserhalb des COMPA in Workshops und mit der mobilen Schule geschah – ist schwer zu benennen. Doch die mehreren schweren Abschiede, emotionalen Reden und noch einmal sehr intensiven Gespräche zeigen mir, dass ich etwas bewirkt habe durch meine Arbeit hier. Kinder und Jugendliche mit ein wenig mehr Selbstvertrauen, Vertrauen in andere, Mut, Kreativität und Motivation, die durch mein Dasein vielleicht auch ihren Horizont erweitern konnten. Einige wenige, aber dafür gute, neue Freunde. Eine Anata-Tournee mit über 7000 Euro Gewinn, eine feste taubstumme Basketballmannschaft im CEREFE, (dieser Workshops wird von einem neuen Freiwilligen weitergeführt) und eine inzwischen selbstständige Theatergruppe „Teatro Inti Phajsi“ sind einige Stichworte, die ich in die Wertwaagschale meines Freiwilligenjahres werfen könnte.
Inzwischen bin ich in Munay Chai (ein Projekt von WISE in der Nähe von Urubamba, Cusco) in Peru, habe die Yungas (Sorata) von Bolivien, die Isla del Sol auf dem Titicacasee, Arequipa und den berühmten Machu Pichu hinter mir. Ausser Arequipa, einer wunderschönen Stadt (zumindest der Stadtkern), waren die letzten 2 Wochen vor allem von viel aussergewöhnlicher Natur und Wandern geprägt. Höhepunkt unserer (Jonas Hanpft, ein guter Freund, Phillip, mein Ex-Mitzivi, der eigentlich alleine reist, aber ab und zu mit uns zusammentrifft und treffen wird, und ich) Touren war Machu Pichu, eine im Bergdschungel verborgene, sehr eindrucksvolle Inkastadtruine. Da der Zug, der dort hinfährt, übertrieben teuer ist (und das Geld zudem an eine chilenisch-amerikanische Gesellschaft geht, die nicht einmal Steuern zahlt) entschieden wir uns, den Weg nach Machu Pichu zu Fuß, teils auf einem einem kleinen Bergpfad, teils an den Schienen entlanglaufend zurückzulegen, was sich zwar als sehr anstrengend (ca.30 km mit schwerem Gepäck) erwies. Aber es hat sich gelohnt, zum einen wegen gesparten 70 Dollar pro Person, zum anderen und vor allem aber wegen der wunderschönen Natur (mal abgesehen von der Zugstrecke), die der Weg zu bieten hatte. Von recht kargem Bergland aus geht es am Urubambafluss langsam hinunter in den Bergurwald. Zelten am Fluss umgeben von Papageien und herrlicher Natur und am 2. Tag der Besuch von Machu Pichu entschädigen allemal für den anstrengenden Marsch.

Ein anderer Aspekt unserer Reise ist das Strassentheater, welches Phillip und ich in den größeren Städten machen wollen. In Arequipa hatten wir 4 Auftritte, drei davon auf der Plaza de Armas (dem zentralem Platz in der Altstadt). Alle waren voller positiver und negativer Erfahrungen, haben einen Heidenspass gemacht und wir haben sogar ein bisschen Geld eingenommen. Idee ist, dass die Hälfte der Einnahmen an uns geht, und die andere Hälfte an Obdachlose und Strassenkinder in den Städten, die noch vor uns liegen. Morgen werden wir noch ein oder 2 Mal in Cusco spielen, nächste Station ist dann Lima. Von Lima geht es, grob gesagt, über Quito (Ecuador) nach Cali (Kolumbien), wo wir wahrscheinlich eine Freundin treffen und mit ihr weiterreisen. Von Cali wahrscheinlich nach Bogota, und dann weiter in Richtung Panama, Costa Rica, Nicaragua und gegen Ende der Reise, wenn die Zeit reicht noch nach Kuba, von wo ich dann kurz vor Weihnachten auch zurückfliegen werde. Zwischen den Städten stehen natürlich alle möglichen Sehenswürdigkeiten, Palmenstrände, Busfahrten, Begegnungen, Wanderungen und spontane Wegänderungen auf dem Programm.

Und in den Städten auch ein bisschen Theater, was neben der Tatsache dass es Spass macht auch noch aus einem anderem Aspekt einfach toll ist. Die Menschen, die uns bisher beim Theatermachen begegnet sind (sowohl andere Strassenkünstler, als auch Passanten bzw. Das Publikum, als auch Strassenverkäufer und Polizisten), nehmen uns auf einmal ganz anders war. Sehr offen und interessiert, auch was unsere Kunst angeht, sehr positiv. Man läuft dann am nächsten Tag ganz normal über den Platz und wird von den Bonbonverkaufenden Kindern nicht angebettelt sondern freudig als „Payaso“ (Clown) oder „Kaiman“ (Rolle in einem unserer Stücke) begrüsst. Gerade in einer so touristischen Stadt wie Arequipa, wo man als Weißer immer nur von Verkäufern, Anpreisern etc. Beschwatzt wird, ist das eine schöne Erfahrung. Der Zentrale Platz in Arequipa ist bis 11 Uhr Abends noch voller Menschen, und neben unserem eigentlichen Programm (La Flor (Pantomime), Los dos Optimistas (Kabarett) und El Kaiman) haben vor allem auch die Walk Acts und das Doubeln von Passanten sehr gut funktioniert. Es gibt dort Leute, die gehen extra auf die Plaza, um sich die Künstler dort anzuschauen, und wieder andere, die nur vorbeigehen und dann 2 Stunden da bleiben um die ganzen interessanten Dinge, die die ganze Zeit auf dem Platz passieren, zu bestaunen. Am letzten Tag haben neben uns noch 3 andere Gruppen (Musiker, Actionmaler und eine Comedytruppe), zur gleichen Zeit etwas präsentiert. So eine „Platz-stimmung“ gibts in Deutschland viel seltener, hier ist es normal.

Mit diesen Worten möchte ich mich als Freiwilligendiest – Berichteschreiber aus Bolivien verabschieden. Ich hoffe euch mit den Berichten ein realistisches Bild meiner Arbeit vermittelt zu haben, in nicht allzu trockener Form. Bleibt noch, mich zu bedanken. Bei meinen Eltern, meiner Familie und meinen Freunden für die Unterstützung, den guten Kontakt und alles andere, bei allen finanziellen Unterstützern für ihr Vertrauen, bei allen sonstigen Lesern für ihr Interesse. Mein größter Dank gilt Cordula Müller und Pablo Schickinger, den Vorsitzenden von WISE e.V., meiner Entsendeorganisation, ohne die dieses Jahr nicht möglich gewesen wäre. Für ihren unermüdlichen Einsatz.

Reisende Grüsse nach Deutschland.
Christoph

Montag, 21. August 2006

Lang Lang ist´s her

- 9. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


Tja, ich denke das ist wohl ein zutreffender Titel. Sowohl im Hinblick auf meinen letzten Bericht, der euch glaube ich irgendwann Anfang Juni erreicht hat, als auch auf meine Ankunft hier in Bolivien, die jetzt schon fast 12 Monate zurückliegt. Heute brechen 2 meiner Mitzivis schon auf in Richtung Heimat, die beiden aus Santa Cruz sind ebenfalls schon weg oder auf dem Weg. Für mich bleibt noch ein wenig Zeit. Ich werde zusammen mit Phillip, dem letztverbliebenen anderen Zivi noch die neuen Freiwilligen einführen und mich dann noch ein wenig auf reisen begeben. Für mich war die Zeit März – Juli sehr schön und sehr stressig. Aus diesem Grund kamen auch nur 2 Berichte. Nun finde ich endlich mal die Zeit, mich ein paar Stunden hinzusetzen und das zuletzt geschehene Revue passieren zu lassen. Dies soll aber nicht mein letzter Bericht sein. Ich werde zum Abschluss des Jahres nochmal etwas schreiben. Heute gehts erstmal um die Dinge, die zwischen Bericht 8. und dem aktuellen passiert sind, darunter u.a.: erfolgreiche „Deutschlandtournee Anata“, als Bär beim Karneval von La Paz, Bolivien bekommt eine neue Verfassung.

Schon seit mehr als einem Monat ist die Deutschlandtour der Anatas nun zu Ende. Danach war die Gruppe noch 2 Wochen lang auf dem Weltkindertheaterfestival, wo sie an dem internationalen Projekt „Olivers Traum“ teilnahm.

Insgesamt war die Tournee ein voller Erfolg. Die Kids hatten 34 Aufführungen in 11 Städten und obwohl wir noch keine Abrechnung machen konnten, da uns die genauen Kontodaten noch nicht vorliegen, rechnen wir mit einem Überschuss von 4000 € oder mehr. Auch in organisatorischer, kultureller , völkerverständigender und sonstiger Hinsicht bin ich mit dem Verlauf der Tournee sehr zufrieden, auch wenn einige z.T. grosse Probleme auftraten, die wir aber alle mit viel Improvisation und guter Teamarbeit zw. Deutschland und Bolivien lösen konnten. Die Rückmeldungen der beteiligten Personen, der Familien, in denen die Kids untergebracht waren, der Zuschauer und der Presse waren im allgemeinen sehr positiv. Von den Eindrücken und Erfahrungen, die die Kinder mit nach Bolivien genommen haben, gar nicht erst zu sprechen. Ich denke, dafür, dass es das erste mal war, dass sowohl COMPA als auch wir Freiwillige so etwas auf eigene Faust organisiert haben, können wir sehr stolz sein. Vielen Dank an dieser Stelle noch einmal an alle die zum Gelingen dieser Tournee beigetragen haben.

Kurz nach dem Abflug der „Anatas“ nach Deutschland, am 10. Juni 2006 fand hier in La Paz „La Fiesta del Señor del Gran Poder“ statt, ein riesiger Karnevalsumzug zu Ehren eines Heiligen, bei dem über 50 Tanzgruppen teilnahmen. Ich und unsere damalige belgische Mitbewohnerin Manu hatten die Ehre und den Spass, bei diesem riesigen Event mitzutanzen. Don Raul, ein guter Freund und ältester Mitarbeiter des COMPA hatte uns in seine Gruppe, die „Fraternidad Diablada „Eucalyptus““, eine der angesehensten Diabladatanzgruppen, eingeladen. Diablada ist ein recht schneller und einfacher Tanz (ohne allzu schwierige Kombinationen oder Choreographien), der von sehr anstrengenden Sprüngen und Bewegungen geprägt ist. Die gesamte Tanzgruppe bestand in unserem Fall aus ca. 200 Tänzern und Tänzerinnen, aufgeteilt in verschiedene Gruppen (Diablos (Männer), Ginas (weibliche Teufel), alte Teufel, Bären und noch verschiedene andere Einteilungen). Ich tanzte bis zur Pre-Entrada (das ist sozusagen die öffentliche Generalprobe, bei der alle Gruppen meist ohne Kostüme (in schwarz) ca. 1/5 der Gesamtstrecke ablaufen) als Diablo (Teufel) mit, bis mich dann ein junger Mann ansprach, ob ich nicht Lust hätte, als Bär mitzutanzen, es würde noch einer gebraucht. So kam es, dass ich am 10. Juni 2006 gegen 2 Uhr Nachts, nach ca. 6,5 h Tanzen, völlig erschöpft, leicht betrunken und wegen dem dicken Bärenkostüm klatschnass am Ende des Umzuges angekommen war. Die Zeit vorher war ein einzigartiges Erlebnis. Da die Bären (insgesamt waren wir 4 Stück) vorrangig die Aufgabe haben, das Publikum anzuheizen und sich dabei völlig frei bewegen können (zumindest habe ich mir diese Freiheit einfach genommen), hatte ich bei dem Umzug einen Heidenspass. Während meine Kollegen relativ steif darauf achteten, den traditionellen Bären abzugeben, war meine Version eher die des ausgeflippten, clownesken, lachenden und weinenden arschwackel- und Moonwalkbären. Kam bei den Leuten aber hervoragend an und ich musste sogar während des Tanzens ein Fernsehinterview geben.

Ich und meine Mitbewohnerin Manu beim Gran Poder Karneval in La Paz

Die nachfolgende Zeit wurde zum einen durch die Deutschlandtournee und durch dass grosse „Fahrerproblem“ geprägt (Tom, den wir eigentlich als Fahrer für den 2. Tourabschnitt eingeplant rief uns 2 Tage vor der Übergabe an und sagte, er habe gar keinen Führerschein – war aber ein Kommunikationsfehler unsererseits), zum anderen durch die tägliche Arbeit, die auch schon in der gesamten Zeit vor der Tournee wie gewohnt weitergelaufen war. Ich möchte nicht viele Worte darüber verlieren, ich führte die Workshops so weiter, wie schon in den vorrigen Berichten beschrieben. Erwähnenswert scheint mir der Theaterworkshop in einem der Randbezirke von El Alto, der sich meiner Meinung nach wirklich sehr gut entwickelt hat. Die Arbeit mit den Jugendlichen (alles zw. 14 und 19) gehört zu den Workshops, die mir am meisten Spass machen. Inzwischen sind 4 Monate seit Beginn des Workshops vergangen und ich bin in vieler Hinsicht sehr zufrieden mit dem Erreichten – das liegt denke ich zum Teil aber auch an meinen inzwischen schon etwas heruntergeschraubten Ansprüchen und Erwartungen. Die Gruppe – fast ausschliesslich Kinder von Bauern, die erst in den letzten Jahren nach El Alto emigriert sind und insofern in mancher Hinsicht mit einer recht schwierigen Geschichte – ist (besonders wenn man es mit dem Anfang vergleicht) zu einem richtig guten Team geworden. Und obwohl ich mit vielem, besonders was Ausdruck und Körpersprache betrifft, noch recht unzufrieden bin, haben sich die Jungen und Mädchen auch individuell stark entwickelt, vor allem hinsichtlich Selbstbewusstsein und Berührungsängsten. Einer hat letzte Woche sogar ein kleines Pantomimestück einfach mal so ohne grosse Ankündigung präsentiert. Viele, besonders auch der Mädchen, haben glaube ich Theaterfeuer gefangen und ich hoffe, dass die Gruppe auch nach meiner Abreise, evtl. geleitet von einem Nachfolgerzivi, weiterbesteht. Trotz Zufriedenheit über den Verlauf des Workshops stehe ich dem jedoch mit Zweifeln gegenüber, weil ich inzwischen doch recht gut die Art der Bolivianer kenne. Bis zu 1,5 h zu spät kommen, nie zu Hause üben, chronisch Sachen vergessen etc. Können eine Gruppe schnell wieder kaputt machen.

Gegen Ende Juni fuhr ich gemeinsam mit meinem Zivikollegen Phillip nach Cochabamba (Cbba.)um dort die von ihm konstruierte und von uns gemeinsam fertiggestellte neue tragbare „Mobile Schule 2“ zu übergeben. Das Funktionsprinzip ist das gleiche wie bei der mobilen Schule in La Paz, nur dass man die neue bequem zu zweit transportieren kann, ohne dazu einen Lieferwagen zu benötigen. Sie kommt im COMPA Cbba. nun auch regelmässig zum Einsatz. In den 3 Tagen dort hatten wir denn auch noch 2 Auftritte mit der Trommelgruppe aus La Paz bei einem Festival zugunsten von arbeitenden Kindern. Ausserdem kam es mehr oder weniger zufällig zu einem weiteren Auftritt des Trios „Largo Titi Caca“ (Phillip, unser Vorzivi Karl, der ebenfalls in Cochabamba zu Besuch war, und ich). Wir hatten 2 Wochen vorher ein kleines Artistik-, Clown-, Strassentheaterprogramm einstudiert und auch schon mehrmals in La Paz aufgeführt.

Ich blieb dann noch eine weitere Woche dort um einfach nach all dem Stress mit der Tournee (die zu dem Zeitpunkt in ihrer letzten Woche steckte) ein wenig zu entspannen - das Klima ist in Cochabamba sehr angenehm mediterran – und mit den Leuten vom COMPA Cbba. zu arbeiten. Ich führte ein wenig in den Gebrauch der mobilen Schule ein und im Gegenzug lernte ich ein wenig über Bau und Gebrauch von Handpuppen. Ausserdem arbeitete ich mit den „Doktores de Alegria“, zu deutsch Clowndoktoren. Das sind 2 Teams von je 4 Jugendlichen (Schauspielern), die 2 mal in der Woche in ein Krankenhaus und in ein Altenheim gehen und ca. 3 Stunden mit den Menschen dort arbeiten. Im Krankenhaus besuchten wir die Station, in der ausschliesslich Kinder mit (teiweise extremen) Verbrennungen liegen, später die normale Kinderstation „Brüche und Operationen etc.“, und als letztes die Station, in der Fälle mit Infektionen, Alergien etc. liegen. Mit jedem Patient (fast ausschliesslich Kinder von 5-13 Jahren) verbringen die Doktores (jeder hat einen Clownsnamen, ich zum Beispiel BAMBAM, andere Lilita, Locoto, Upa o.ä.) ca. 10 Minuten (Unterhalten, Spielen, Fernsehen, Schabernack treiben usw.). Ich führte ausserdem ein paar Zaubertricks vor und jonglierte ab und zu. Die Doktores arbeiten in dieser Weise ein ganzes Jahr lang (sie bekommen auch Geld dafür, von einer Stiftung) und müssen sich für diesen Job bewerben (ca. 20 Bewerber auf 10 Plätze jedes Jahr). Jeder muss eine medizinische Basisprüfung ablegen. Ein Doktor kann sich jedes Jahr aufs neue bewerben. Die Arbeit in dem Altenheim gestaltet sich ganz anders als im Krankenhaus. Frauen und Männer sind in 2 verschiedenen Trakten des Altenheims untergebracht, und so wird zunächst ausschliesslich mit den Frauen gearbeitet (die fast alle senil sind und teilweise äusserst verrückt), später dann mit den Männern. Die Männer sind weniger, haben so scheint es mir einen noch recht interessanten, wenn auch nicht sehr abwechslungsreichen Tagesablauf (z.B. Gartenarbeit), und hier sprachen wir vor allem recht intensiv, z.B. über Deutschland, spielten Schach oder Dame, alles in allem eher erwachsen. Bei den Frauen war alles viel chaotischer, lauter, kindlicher, teilweise aber auch lustiger. Ich unterhielt mich lange mit einer Taubstummen auf Zeichensprache. Da ich nach dem Zeichensprachekurs vor ca. 3 Monaten doch schon wieder recht eingerostet war, kam mir das sehr gelegen, obwohl Sie auch nicht gerade ein Experte auf dem Gebiet war. Wir konnten uns aber dennoch sehr gut verständigen.

Am 17. Juli war es dann soweit. Meine Eltern, die bereits eine Woche vorher in Peru angekommen waren, kamen nach La Paz. Nachdem wir zunächst 2 recht ruhige Tage in La Paz verbracht hatten, ging es dann zum Salar de Uyuni, einem der grössten Salzseen der Welt und der in seiner Umgebung liegenden bizarren vulkanischen Landschaft. Wir machten dort eine Tour von 3 Tagen und fuhren dann gleich wieder zurück. Auf jeden Fall ein Muss für alle, die mal nach Bolivien kommen, obwohl es fast schon unausstehlich touristisch ist. Im Gegensatz zur riesigen Feria von El Alto, auf die sich kaum einmal ein Tourist verirrt, die aber meiner Meinung nach sehr sehenswert ist, vorausgesetzt man kann ein wenig spanisch und nimmt keine Wertsachen ist. Wir besuchten die Feria an einem wunderschönen Sonntag und besonders mein Vater war stark beeindruckt von all den Waren, die man hier findet. Noch am gleichen Nachmittag ging es dann per 20 Mann Flugzeug nach Rurrenabaque in den Dschungel, wo wir 3 super Tage im Grasland (Pampa) bzw. auf einem Fluss im Grasland verbrachten (incl. Krokodile, Schwimmen mit Flussdelphinen – toll –, hunderten Schildkröten, Affen, einer Anaconda um den Hals, Piranyafischen und vielem anderen). Wieder sehr touristisch aber das kann man leider nur schwer umgehen.

Beim-Piranhafischen

Wieder in La Paz, konnten meine Eltern noch bei der Minenpräsentation des COMPA mitmachen, und die überall in der Stadt stattfindenden öffentlichen Proben für die „Entrada Universitaria“ – das gleiche Spektakel wie beim Gran Poder, aber fast ausschliesslich Studenten – bestaunen, bei der ich ebenfalls mittanzte, und zwar in der Gruppe „Facultad Mecanica Phugllay (anderer Tanz)“. Bzw. wollte ich mittanzen, war dann aber am Umzugstag und Abreisetag meiner Eltern zu kaputt, um um 7 Uhr aufzustehen und mir 2 Kg schwere Schuhe unter die Füsse zu schnallen. Insgesamt war es eine sehr schöne Zeit mit meinen Eltern, auch wenn es durch gleichzeitiges so viel wie möglich weiterarbeiten meinerseits manchmal etwas stressig war.

Über 3 Wochen sind seit dem vergangen, mit Workshops, intesiver Vorbereitung der Ankunft der neuen Voluntarios und Nachbereitung der Anata-Tour, Willkommens- und Abschiedsfeiern, Reisevorbereitung und Vorbereitung eines Strassentheaterprogramms für 1 und mehr Personen. Und mit der Eröffnung der verfassungsgebenden Versammlung in Sucre. In einem Jahr werden die ca. 250 Vertreter aus allen Teilen des Landes, die am 2. Juli gewählt wurden eine neue Verfassung präsentieren, die die Zukunft Boliviens bestimmen wird und auf die grosse Hoffnungen gesetzt werden. Ein grosser Streitpunkt, über den in einem Volksreferendum (ebenfalls 2.7.) abgestimmt wurde, ist die Autonomiefrage insbesondere des Departamentos Santa Cruz. Hier sprach sich die Mehrheit der Bevölkerung für eine (wohlgemerkt: vor allem wirtschaftliche und verwalterische) Autonomie aus. Unter welchen Bedingungen diese eingeführt wird, wird allerdings ebenfalls in der verfassungsgebenden Versammlung entschieden. Leider kann ich euch aus Informationsmangel nicht viel mehr darüber sagen, ausser dass bei der Eröffnung der Marsch der Völker stattfand, bei dem Vertreter der über 50 verschiedenen Urvölker Boliviens teilnahmen. Ich konnte Teile des Marsches und die Anschliessende (sehr indigen geprägte) Feier im Stadion von Sucre am Fernseher mitverfolgen. Es war mehr als eindrucksvoll.

Mit diesen Worten möchte ich auch schon schliessen. Die nächsten Tage werden noch einmal geprägt sein von viel Arbeit und schwerem Abschiednehmen, aber auch noch einmal von einer sehr intensiven Woche mit den neuen Voluntarios und Mitarbeitern von COMPA in einem Seminarhaus in Cochabamba. Wie immer gibts auf www.sechsinbolivien.twoday.net noch einmal den gleichen Bericht mit Fotos (zumindest mit dem Foto „Christoph als Bär“)

Macht es gut, ich vermisse euch, haltet aus, spätestens an Weihnachten bin ich wieder da.

Euer
Christoph

PS: Das Teatro Trono ist heute ab nach Deutschland geflogen, um dort mit der KinderKulturKarawane 2 Monate noch bis Ende Oktober durch Deutschland und Dänemark zu reisen. Ist ne tolle Truppe, die es Theatermässig wirklich drauf hat. Wenn ihr Zeit habt, schauts euch an. Hier der Link zum Tourplan: http://www.kinderkulturkarawane.de/2006/teatrotrono/index.htm - Falls ihr die Jugendlichen sehen solltet, bestellt einen schönen Gruss von mir und fragt Ivan, den Leiter nach dem COMPA Dokumentalfilm. Da ist nämlich meine Stimme drauf.

Mittwoch, 24. Mai 2006

„Teatro Anata“

- 8. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -

In meinem heutigen Bericht will ich recht kurz und zügig die Geschehnisse der letzten 2 Monate schildern. Entschuldigt bitte, die fast 2-monatige Verspätung mit der euch dieser Bericht erreicht.

Wie schon im letzten Bericht angeklungen ist, bin ich recht viel am arbeiten, wobei die Arbeit nun immer mehr aus Theater und künstlerischer Arbeit besteht bzw. damit zu tun hat. Seit ca. 7 Wochen leite ich einen Theaterworkshop mit Jugendlichen in einer Gegend von El Alto, die noch sehr neu ist. Die Teilnehmer kommen alle aus Familien, die erst vor einigen Jahren vom Land dorthin gezogen sind und die Arbeit dort ist sehr bereichernd. In 2-3 Wochen wird das erste Stück auf die Bühne gebracht.

Gestern ging mein Kurs in Bolivianischer Taubstummensprache zu Ende und ich habe vor mit den tauben Jugendlichen, mit denen ich bisher Basketball gespielt habe, zusätzlich noch Theater zu spielen.

Ich/Wir investieren in den letzten Tagen und Wochen auch einiges unserer Freizeit in die Einstudierung von Clownsketchen, die dann (fast) jeden Samstag auf dem Theaterlastwagen zur Aufführung kommen bzw. kommen werden. Zu diesem Zweck nähe ich mir grade aus Stoffresten einen sogenannten „Buso Trono“, eine COMPA-typische Clownshose. Zaubern, ist ein weiteres Thema, was gerade sehr aktuell ist. Im COMPA läuft seit letzter Woche ein Zauberkurs, an dem ich aus Zeitgründen leider nicht teilnehmen kann. Aber ich habe mir schon so 3-4 Tricks selbst (teilweise mithilfe des Internets) beigebracht.

Ansonsten gibt es bezüglich meiner Arbeit hier nicht sonderlich viel zu berichten, außer dass es echt viel ist, mich erfüllt und genau das richtige ist.

Nun zu einem sehr wichtigen und aktuellen Punkt: Der Deutschlandtournee von „Teatro Anata“, die nun unmittelbar bevorsteht. In genau 2 Wochen werden die 6 Kids und ihre Betreuerin im Flugzeug nach Deutschland sitzen, wo die Tour am 9. Juni in Lingen beginnt. Bisher sind knapp 20 Auftritte in 10 Städten sicher, aber es sollen noch einige hinzukommen.

Nach Heidelberg kommt die Gruppe am 17. Juni und wird bis zum 22. Juni dort bleiben. Sie wird am Mittwoch, den 21.6. im Thadden-Gymnasium (13.30 Uhr) und vorraussichtlich am 22.6. im Hölderlin Gymnasium (Uhrzeit steht noch nicht fest) auftreten. Für die Zeit vom 17.- 20 Juni steht noch kein Auftritt fest. Für diesen Zeitraum werden noch Auftrittsmöglichkeiten gesucht. Ich schreibe euch deshalb auch in der Hoffnung, das einige von euch einen Auftritt organisieren oder einen Kontakt vermitteln (zu interessierten Schulen, Theatern, Eine-Welt-Gruppen, Kulturzentren) können. Bitte meldet euch bei Interesse und Lust, einen Auftritt zu organisieren, so schnell es geht bei mir oder meinem Bruder Lukas, der in Heidelberg (zusammen mit Hannah Kreft) die Koordination übernommen hat. Unten stehen die Adressen und Telefonnummern. Im Anhang findet ihr umfassende Infos zu der Tournee.

Bleibt noch zu sagen: Schaut euch einen Auftritt an... Die Schauspieler sind zwar jung, aber sie sind gut und die Stücke, die sie im Gepäck haben, sehr interessant und schön. Das Theater, welches die Gruppe und auch das COMPA machen, ist sehr bilderreich, ausdrucksstark, kritisch und in gewisser Weise einzigartig. Auf jeden Fall anders, als man das von deutschem Regietheater kennt. Es lohnt sich also. Auch das Rahmenprogramm (Infomaterialien zu Bolivien, Verkauf von bolivianischer Kunst, Diskussionsrunden) könnte von euch von Interesse sein. Und zudem könnt ihr dort einmal die Menschen kennenlernen, die inzwischen Teil meines Alltags sind.

die besten Grüße aus El Alto,
euer Christoph

PS: Das mit den Auftritten ist wirklich wichtig. Wer die Tour anders unterstützen möchte, kann das aber auch in Form einer Spende bzw. als Sponsor (Erscheinen auf allen Werbemitteln) tun.

Spendenkonto:

Anata-Tour 2006
Kontonummer: 8611303
Bankleitzahl: 550 205 00
Bank für Sozialwirtschaft in Mainz
Betreff: Spende

Dienstag, 28. März 2006

Carnaval

- 7. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -

Mein Bericht fällt dieses Mal ein wenig knapper aus als sonst, da ich nach einer Zeit, die eher von Reisen und unregelmäßiger Arbeit bestimmt war, wieder richtig viel am Arbeiten bin und deshalb nicht genug Zeit finde, um ausführlicher zu schreiben. Diesmal geht es um Karneval, unser Zwischentreffen in Cochabamba und um meine etwas veränderte Arbeit, mit der ich gleich Anfange.

Theater Cochabamba 3

Ich bin nun seit ca. 3 Wochen wieder zu Hause und voll auf die verschiedenen Projekten konzentriert. Was leider nicht bedeutete, dass ich gleich wieder voll einsteigen konnte, da ich nach ca. 6 Wochen Abwesenheit erst einmal meinen Arbeitsplan reorganisieren musste, der aber jetzt inzwischen mehr oder weniger feststeht und ähnlich dem ist, wie ich es auch vorher schon hatte. Dennoch haben sich einige Änderungen ergeben.

Die wichtigste Änderung besteht darin, dass ich nun im COMPA stärker in die Arbeit eingebunden bin als dies vorher der Fall war. Im Moment läuft nämlich gerade ein Projekt an, in das die meisten Instruktoren eingebunden sind. Im Groben geht es darum, in verschiedenen Institutionen (Schulen, Jugendzentren etc.) in genau festgelegten Bezirken der Stadt El Alto Workshops für Kinder und Jugendliche anzubieten. Ein Workshop besteht aus 5 Modulen mit den folgenden Themen: Kinderrechte, Identität und Selbstbewusstsein, Führung, Geschlechterrollen und Sexualität, Gleichheit und Nachhaltige Entwicklung. Diese Themenschwerpunkte sollen den Kindern in ca. 5-10 „Sitzungen“ mithilfe von künstlerischen Workshops (Theater, Zirkus, Theater, Keramik) vermittelt, bzw. mit ihnen bearbeitet werden. Zu jedem Thema gibt es Material und Vorschläge zum Ablauf des Workshops (Übungen, Spiele). Daneben finden zur Zeit jeden Montag Weiterbildungsdebatten mit allen Arbeitenden des COMPA statt, in denen über die verschiedenen Themen diskutiert wird. Für mich bedeutet das konkret, dass ich ab dieser Woche neben den Arbeitsgruppen, die ich sonst anbiete, eben diesen Workshop (das Programm heißt übrigens DANIDA und wurde in den letzten Monaten von Ivan und den übrigen Koordinatoren des COMPA entwickelt) in verschiedenen Institutionen durchführen werde. Nebenher findet eben noch die Weiterbildung und eine regelmäßige Reflektion statt. Ich bin sehr gespannt auf diese Aufgabe, da die Vorgehensweise, bzw. die Übungen ähnlich dem sind, was ich auch bisher in meinen Theaterarbeitsgruppen gemacht habe. Nur eben mit einem sehr viel klarer definiertem Hintergrund und Ziel.

Theater Cochabamba

Da ich die Arbeit mit den Taubstummen noch ausweiten will und ich mit den anderen Projekten (mobile Schule, Jugendzentrum Sejoven) fortfahre, habe ich mich entschlossen aus zeitlichen Gründen mit meinem Englischkurs im COMPA aufzuhören.

Ein weiterer Arbeitsbereich, der mich und uns derzeit sehr in Anspruch nimmt, ist die Planung einer Tournee der Theatergruppe „Anata“ des COMPA durch Deutschland. Die Tour wird vom 8. Juni bis 8. Juli dauern und durch insgesamt 6-8 Städte Deutschlands gehen. Anschließend wird die Gruppe am „Weltkindertheaterfestival“ in Lingen teilnehmen. Die Gruppe besteht aus 6 Kindern im Alter von 10-14 Jahren und einer Betreuerin und studiert derzeit mehrere kleine Theaterstücke für die Tournee ein. Das Thema der Tour ist: Legenden Boliviens... Die Organisation läuft soweit recht gut, innerhalb dieser Woche wird eine Homepage online gehen, das Plakat ist in Arbeit, die Koordination in den einzelnen Städten ebenfalls. Probleme gibt es derzeit nur mit Bürokratie und Verwaltung, da wir derzeit nicht genau wissen, über welche private oder juristische Person die Finanzen, Versicherung der Gruppe etc. abgewickelt werden sollen.

Theater Cochabamba2

Die Tour wird übrigens auch 3 Tage lang in Heidelberg Station machen (voraussichtlich zw. 18. und 21. Juni). Wer also Lust hat, im Vorfeld oder während des Aufenthaltes in irgendeiner Weise mitzuhelfen, ist dazu herzlich eingeladen und soll sich bei mir melden. Ich denke das ist eine gute Möglichkeit, mal zumindest ein paar der Menschen kennen zu lernen, mit denen ich hier tagtäglich zu tun habe und wirklichen Kulturaustausch zu betreiben. U.a. suchen wir günstige Unterkünfte (Familien) für die Gruppe, Auftrittsmöglichkeiten (Schulen, Theater), Kontakte zur Presse und Sponsoren, die gegen das Erscheinen auf dem Propagandamaterial (Plakate, Flyer, Homepage) finanzielle, materielle oder infrastrukturelle Hilfe leisten (Firmen und Vereine).

Tracht Cochabambina

Nun zu unserem Zwischentreffen, welches mit insgesamt 17 Freiwilligen von WISE e.V. aus Argentinien, Bolivien und Peru in Cochabamba (Bolivien) stattfand. Wir waren dazu 1 Woche lang in einer sehr schönen, recht einfachen Herberge untergebracht, wo wir neben einer sehr umfassenden Reflektion unserer ersten 6 Monate und Besuchen einiger sehr interessanter Projekte (u.a. dem COMPA Cochabamba und den Clowndoktoren Cochabamba) uns auch Gedanken über die Zukunft des Vereins und der einzelnen Projekte Gedanken machten. Auch haben wir insgesamt 3 Mal sehr erfolgreich Theater gespielt (auf der Strasse, in der Herberge und in einem kleinen Theater). Mir persönlich hat das Treffen sehr gut gefallen, es blieb genug Zeit für intensiven Austausch untereinander und insgesamt hat es bei mir auch einen erneuten Motivationsschub bewirkt, was meine Arbeit hier betrifft. Vor dedm Zwischentreffen wurde allerdings gemeinsam gefeiert...

Theater auf einem oeffentlichen Platz in Quilla Collo / Cochabamba

Der„Carnaval de Oruro“ wird als der 2. Beste Karneval der Welt bezeichnet, nach Rio de Janeiro. Nun war ich leider noch nie in Rio insofern kann ich dass nicht genau beurteilen (die Kölner werden da wahrscheinlich auch ein Wörtchen mitreden wollen), Tatsache ist aber, dass der Carnaval dort ein wirklich einzigartiges Erlebnis ist. Der Zug geht von 9 Uhr morgens bis 5 Uhr morgens des Folgetages und danach treten noch die verschiedenen Musikgruppen auf und die ganze Stadt tanzt bis zum Morgengrauen. Der Alkohol fließt in Strömen, auch schon am Tag davor. Tagsüber wird die Prozession begleitet von Wasserbomben- und Schaumschlachten, die zwischen gegenüberliegenden Tribünen oder in den Gassen neben der Prozessionsstrasse ausgetragen werden. Nachts wird getanzt und gefeiert. Die Stadt ist extrem voll, dieses Jahr 500000 Zuschauer und 200000 Teilnehmer (hört man jedenfalls), unzählige Touristen aus allen Teilen Boliviens und der Welt, und doch, trotz viel Gedränge findet man immer wieder Freunde aus La Paz. Der Zug ist mit deutschem Karneval nicht zu vergleichen. Ausschließlich Tanzgruppen und Musikgruppen ziehen durch die Strassen, Wägen gibt es keine. Die Gruppen tanzen fast durchgehend, genauso wie sie fast durchgehend saufen (einzige Ähnlichkeit mit Deutschland). Weiteres Merkmal: Der Kontakt mit dem Publikum geht nicht von den mit teilweise wirklich großartigen Kostümen und Masken verkleideten Tänzern und Tänzerinnen aus, sondern vom Publikum selbst. Für jemanden, dem der Heidelberger Karneval bestenfalls als bonbonsammelnder Knirps Spaß gemacht hat, eine Offenbarung. Die Menschen sind hier Teil des Umzuges, man tanzt mit den Gruppen mit, jeder kennt die verschiedenen Lieder und Tänze. Schön: Das ganze hat nichts mit Konsum in dem Sinne zu tun, wie es in Deutschland der Fall ist. Keine Bonbons, das Publikum versorgt die Teilnehmenden. Und trotz der vielen Touristen ist der „Carnaval de Oruro“ ein echtes Volksfest geblieben, an dem Indígenas, Mestizen und Weiße gleichermaßen teilnehmen. Also, wer Südamerikanischen Karneval einmal hautnah und intensiv erleben möchte kommt im nächsten Jahr nach Oruro.

fast alle Freiwilligen aus Argentinien, Peru und Bolivien

viele Grüße aus dem immer kälter werdenden El Alto, im nächsten Bericht wieder mehr...

euer Christoph

PS: In unserem Haus hat sich inzwischen auch wieder etwas getan. Wir haben eine Belgische Mitbewohnerin und einen Katalanen zur Untermiete. Außerdem wird der Garten gerade umgegraben und neu bepflanzt.

Dienstag, 21. Februar 2006

Teatro Trono on Tour

- 6. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -

28 Menschen, 24 Tage, 6 Städte... die Tour des Teatro Trono durch fast ganz Bolivien ist zu Ende und wir sind, erschöpft aber glücklich, und um viele Erfahrungen reicher wieder zu Hause in El Alto.

Christoph als Anwalt

Ich will in meinem heutigen Bericht fast ausschließlich von unserer Rundreise berichten, die uns von La Paz nach Santa Cruz, Villamontes, Tarija, Sucre, Potosi, Oruro und schliesslich wieder zurück nach La Paz geführt hat. Es wird also viel um Theater gehen, um meine Erlebnisse während der Tour und um die Städte, in denen wir Station gemacht haben. Ab und zu habe ich Einträge aus meinem Reisetagebuch übernommen (kursiv).

Zuerst aber zur Situation vor der Tour: Im Vorfeld der Tournee gab es natürlich einiges vorzubereiten, und während die Bolivianer in unserer Arbeitsstelle ihre verschiedenen Theaterstücke probten, Trommeln bauten, Requisiten bauten, Kostüme nähten etc. arbeiteten auch wir täglich ca. 3 Stunden an unserem Theaterstück. Das bedeutete zu nächst einmal die Dialoge schreiben, dann mit einem Freund aus unserer Strasse auf sprachliche und grammatische Fehler überprüfen, anfangen zu proben, Texte umschreiben, Passagen streichen, Szenen stellen, auswendig lernen, intensiv proben, Freunden vorspielen, verbessern, Kostüme und Requisiten besorgen, proben, proben, proben... Als wir das Stück schließlich genau einen Tag vor Abreise der Truppe vorstellten, dauerte das Stück zwischen 35 – 40 Minuten und hatte noch einige Schwachstellen. Es war in etwas mehr als 2 Wochen entstanden. Wir haben dann drastisch gekürzt, wobei teilweise ganz interessante Stellen gestrichen werden mussten, und nach der 3. Aufführung während der Tour waren wir bei nur noch 20 Minuten. In dieser Form kam das Stück dann aber wirklich gut an. Sowohl was den Lachfaktor im Publikum betrifft als auch inhaltlich. Der Plot ist recht simpel. Phillip, ein Freiwilliger aus Deutschland will ein kostenloses Visum für ein Jahr bekommen und verliert sich dabei in einem Labyrinth aus Bürokratie und Korruption. Zweite Hauptfigur ist ein Musiker, der gleich am Anfang auftritt und in einer Ansprache an das Publikum das Stück einführt.

Phillip und der bolivianische Musico

Unser Held geht daraufhin zur Einwanderungsbehörde, die ihm eine riesige Liste mit zu besorgenden Dokumenten übergibt. Wieder draußen begegnet er einem Mann, der ihn erst einmal über die Ausweglosigkeit der Bürokratie aufklärt und ihm zum schnelleren und absolut sicheren Weg der Korruption rät. Doch Phillip beschließt den Weg durch die Institutionen auf sich zu nehmen, und so begegnet er in einer sehr abwechslungsreichen Szene „korrekten“ Beamten, dümmlichen Sekretärinnen, Direktoren, Kopiererinnen, Ärzten, Anwälten, Fotografen, die ihm entweder Geld aus der Tasche ziehen oder ihm gerade nicht helfen können oder wollen, weil z.B. gerade Mittagspause ist.

Fotographenszene

Christian als Sekretaerin

Als er schließlich alle Dokumente hat, kommt in der Einwanderungsbehörde der herbe Rückschlag. Der Direktor ist neu, und er macht deutlich, das ein Visum unter keinen Umständen möglich ist. Am Ende tritt dann wieder der Musiker auf, der dem enttäuschten Phillip erst einmal von seinen Einwanderungsproblemen in Europa berichtet und ihn dann lehrt, das ganze etwas lockerer zu sehen und die Hoffnung nie zu verlieren, das sich die Dinge verändern können. Daher auch der Titel: „Proxima Estacion: Esperanza“ (Nächste Station: Hoffnung – in Anlehnung an ein sehr schönes Album von Mano Chao). Das Ende bildet dann der Baloo-Song „Probier’s mal mit Gemütlichkeit“ aus dem Dschungelbuch – natürlich auf spanisch.

Am 24. Januar ging es dann gegen 11 Uhr Abends endlich los nach Santa Cruz. Die einzelnen Teilstrecken zwischen den Städten wurden vom Größten Teil der Gruppe mit dem Autobus bewältigt. Ab und zu fuhr ein Teil auch mit dem Theaterlastwagen des COMPA mit, der sowohl den kleinen Transporter, als auch jegliches sonstiges Gepäck, die Trommeln, Kostüme, Zirkusmaterialien, Rucksäcke, Ton- und Lichtanlage sowie Werkzeug transportierte.

Unsere erste Station war Santa Cruz de la Sierra, im östlichen Tiefland Boliviens gelegen. Die Stadt ist in den letzten 30 Jahren zur wirtschaftlich wichtigsten Stadt Boliviens gewachsen und hat inzwischen mehr als 1,1 Mio. Einwohner.

Santa Cruz

Man kommt sich vor wie in einem anderen Land. Nicht nur wegen der Hitze und der Feuchtigkeit. Es ist ein anderes Leben hier, wobei, ich kenne es nun nur gerade einmal knappe 5 Tage. Die Sprache: schneller, irgendwie nuschelnd, man verschluckt das ‚s’... Auch gibt es hier keine Minibusse, ich nehme an wegen der Hitze. Vermutlich würde man sich schlicht totschwitzen oder ersticken bei 16 Leuten in einem Mini, wie in La Paz. Stattdessen Colectivos – in Größe und Aussehen vergleichbar mit den Schulbussen in Nordamerika – und Taxis. Wobei die meisten Fahrer ihre normalen Sitze gegen Wäscheleinendrahtsitzgestelle ausgetauscht haben, der enormen Hitze wegen. Niemand trinkt hier Wasser. Nur Bier und Erfrischungsgetränke (Cola und noch viel schlimmeres Zeug). Das Leben ist weitläufiger hier. Mir scheint es weniger eng und arbeitsam als in El Alto. Die Menschen sind anders, cowboyhafter, sexier – irgendwie frecher und kommunikativer. Sympatisch. Santa Cruz ist in Ringen aufgebaut, welche sich kreisförmig um das Zentrum ziehen. Je weiter man in die äußeren Bezirke kommt, desto ländlicher wird es. Viel Grün. Auch das ein krasser Unterschied zum kahlen Altiplano. Überall riecht und klingt es nach Tropik. Die Zweigstelle des COMPA liegt ein wenig außerhalb, zwischen dem 4. und 5. Ring. Ein sehr schönes Haus mit großem Hof und Hahnenkampfarena nebenan. Ein bestenfalls langweiliger Sport, nebenbei. Dicke Männer in Anzugshosen und offenen Hemden. Goldzähne. Schlaksige Typen in Unterhemden, schlaksigere Hähne. Sehen alle gleich aus, wie Hähne eben, nur mit einer Figur die der eines Preisboxer gleichkommt. Manche haben kaum noch Federn. Der Kampf besteht aus vornehmlich aus Gegacker, Belauern und Gehacke. Man fragt sich ob der Boxsport ein Abkömmling des Hahnenkampfes ist, so sehr ähneln sich manche Bewegungen. Liegt ein Hahn dann endlich am Boden, wird der Kampf beendet. Das Ritual der Wetteinsätze bleibt mir ein Geheimnis. Ständig werden aus allen Richtungen während des Kampfes Angebote ausgerufen. Wer jedoch auf wen, mit wem, gegen wen und wie hoch wettet scheint nach mir undurchschaubaren Regeln vonstatten zu gehen.

In der Gegend von Santa Cruz leben übrigens in verschiedenen Kolonien ca. 25.000 Mennoniten, welche noch Althochdeutsch sprechen, und in manchen Bereichen leben wie im 16. Jahrhundert. Ist sehr interessant und ich kann euch nur empfehlen, mal etwas über deren Lebensgewohnheiten im Internet nachzulesen.

Von Santa Cruz, wo wir insgesamt 8 mal spielten, ging es weiter Richtung Süden in die relativ unbedeutende Stadt Villamontes, welche in den Sommermonaten, also genau zu dem Zeitpunkt, an dem wir da waren, die heißeste Stadt Boliviens ist. Im Chaco-krieg zwischen Bolivien und Paraguay rückte die paraguayische Armee bis vor die Tore der Stadt. Dieser Krieg gehört vielleicht zu den sinnlosesten der Weltgeschichte. Es gab nämlich überhaupt keinen Grund für die beiden Völker, gegeneinander zu kämpfen. Der Krieg wurde von zwei Ölgesellschaften forciert, die beide die angeblich reichen Ölvorkommen im Chacogebiet, welches teils in Bolivien, teils in Paraguay verläuft, für sich erobern wollten. Zu diesem Zweck wurde auf bolivianischer Seite eine Armee aufgestellt, welche hauptsächlich aus Indios vom Altiplano zusammengesetzt war. Das diese, nicht an Hitze und Trockenheit gewöhnt, gegen die gutausgerüstete und zahlenmässig überlegene Armee des Gegners, keine Chance hatte, war vorrauszusehen. Der traurige Witz bei der ganzen Sache ist, das in dem Gebiet, um das gekämpft wurde, nie Öl gefunden wurde. Heute wird dort allerdings Gas gefördert. In der Stadt, die eigentlich mehr als ein großes Dorf zu bezeichnen ist, gibt es ein kleines Museum, welches die Historie des Krieges erzählt, die verschiedenen wichtigen Schlachten nachstellt und in dem es einiges Kriegsgerät und Hunderte von Fotos zu besichtigen gibt. Der Soldat, der hier seinen Dienst ableistet und Führungen macht, erzählt glaube ich jedem der kommt von seinem unbeschreiblichen Pech, in dieses kleine, langweilige Nest verlegt worden zu sein, in dem man in seiner Uniform und den Stiefeln täglich aufs neue den Hitzetod stirbt.

Die Reise nach Villamontes war für die meisten der schrecklichste Teil der gesamten Tour. Wir fuhren mit dem Zug, was normalerweise zu begrüßen gewesen wäre, jedoch nicht unbedingt bei Nacht durch ein Gebiet, welches von Moskitos nur so wimmelt. Der ganze Zug war bei Einbruch der Dunkelheit mit Ungeziefer jeglicher Größe gefüllt und die meisten konnten die ganze Nacht kein Auge zudrücken. Mir ging es dagegen besser, ich hatte eine noch freie Bank gefunden, auf der ich wenigstens ein paar Stunden schlafen konnte.

Nachdem wir in Villamontes nur einen Zwischenstopp von knapp 2 Tagen eingelegt hatten, ging es in die weitaus schönere und vom Klima sehr angenehme Stadt Tarija, die unter anderem für guten Wein und schöne Frauen bekannt ist.

Plaza Central de Tarija

Wir haben das Glück, für die nächsten 5 Tage in einem wunderschönen Zentrum für Kinder in „Problemsituationen“ untergebracht worden zu sein. Die Kinder, die hier unter der Woche leben und unterrichtet werden, kommen aus Familien, die nicht in angemessener Weise für sie sorgen können. Meist herrscht große Armut u/o Gewalt. Viele der Kinder waren kurz davor Straßenkinder zu werden, als sie in das Zentrum kamen. Meist sind es Nachbarn oder Verwandte, die die Arbeiter dieser sogenannten Solidaritätsherberge auf Kinder mit Problemen aufmerksam machen. Manche der Kinder haben verdammte harte Geschichten zu erzählen. Einige sind Waisen oder Halbwaisen. Am Wochenende kehren die Kinder allerdings wieder in die Familien zurück. Sie sollen den Kontakt nicht verlieren. Tarija ist wie Gardasee im Sommer. Die Stadt liegt auf 2000 m und dehalb ist es hier nicht ganz so drückend wie z.B. in Santa Cruz. Meistens geht ein guter Wind, sodass es sich hier wunderbar aushalten lässt. Deshalb ist die Zeit hier auch eher von relaxen, lesen, schreiben, bummeln und Fussball spielen geprägt, als von Aufführungen und Workshops. Obwohl wir eigentlich jeden Tag mindestens eine Aktivitaet haben

Bisher bin ich noch sehr wenig auf den eigentlichen Zweck der Tournee, nämlich das Auftreten in den verschiedensten Städten eingegangen. Das möchte ich jetzt nachholen.

Nach einem jeden Auftritt, neige ich dazu, mich erst einmal 5 Minuten alleine irgendwo hinzusetzen und einfach nur zu entspannen. Meist war das nicht möglich. Der Lastwagen musste von einer Theaterbühne wieder zu einem Lastwagen werden, die Trommeln gegen den Regen geschützt, Vorhänge abgehängt, Kostüme und Requisiten verstaut und schussendlich zusammen mit dem ganzen anderen Material und sonstigem Krimskrams, Holzlatten, Eisenstangen, Metern an Seil, Plastikplanen etc. auf den Laster gepackt werden. Der Lastwagen war Transportmittel und Bühne zugleich.

Fahrt auf dem Theaterlastwagen

Wenn wir in der Innenstadt oder auf dem zentralen Platz einer Stadt auftraten, gab es fast immer Probleme. Kabel hingen zu tief, Kurven waren zu eng. Wir kamen zwar immer an, jedoch meistens war die Ladefläche voll mit abgebrochenen Ästen und Blättern im Weg hängender Bäume. Wer die Fahrt zum Auftrittsort hinten auf dem Laster verbracht hatte, hatte meist ein kleines Abenteuer hinter sich. Dagegen waren die Auftritte in einem Dorf oder einem der äußeren Teile einer Stadt, die etwas seltener stattfanden nicht minder aufregend. Mehr als einmal gruben sich die Räder in den Sand oder den Schlamm, so dass Teile der Gruppe teils stundenlang damit beschäftigt waren, dieses riesige Gefährt wieder auf befestigte Strasse zu befördern, während die anderen auf der Strasse oder auf einer improvisierten Bühne auftraten. Theater auf dem Theaterlastwagen war viel mehr als nur auftreten. Mit der Zeit wurde die Gruppe aber eingespielter was den Aufbau der Bühne und die Installation der notwendigen Ton-, Licht- und sonstigen Elemente betraf. Die Bühne bestand aus einer heruntergeklappten Seitenwand und der Ladefläche des Lastwagens. Wobei auf den beiden Seiten jeweils ein kleiner Bereich abgegrenzt war, in dem sich umgezogen und vorbereitet werden konnte. Meist wurde auf der Rückseite ebenfalls ein kleiner Teil der Seitenwand heruntergeklappt, über den man mittels einer kleinen Leiter auf die Bühne gelangen konnte. Sonst war dies nur noch von vorne über eine Holztreppe möglich.

Unsere Buehne...

Während des gesamten Aufbaus und der Vorbereitung musste sich jeder Einzelne auch noch meist selbstständig schminken. Schwarzer Schminkstift oder Pinsel: Augen, Nase, Mund verstärken, Konturen, etc. mehr nicht. Wobei es viele, insbesondere der jüngeren übertrieben und sich irgendwelche Punkte, Sonnen, Tränen oder was auch immer auf die Wangen und um die Augen malten.

Tambores de Hojalata

Die einzelnen „espectáculos“ wurden immer durch die meist aus 10 – 12 Spielern bestehenden „Tambores de hojalata“, den Blechtrommeln eröffnet. Die ganze Gruppe lief dann erst einmal trommelnd durch die Strasse oder über den Platz, um die Aufmerksamkeit der Leute zu wecken, was fast immer sehr gut gelang. Zwei helle Snaretrommeln – heller, rasselnder Klang – führen und treiben das ganze an, während der Rest der Gruppe auf Basstrommeln verschiedener Größe meist recht eingängige Rhythmen trommelt. Ich für meinen Teil finde einige der Rhythmen durchaus langweilig, obwohl einige der Stücke auch sehr einfallsreiche Wechsel und Stopps enthalten. Leider wurde der Unterhaltungswert der Truppe etwas durch die oft ausdruckslose, fast gelangweilte Mimik der meisten seiner Mitglieder gemindert. Ich begann deshalb in Tarija als Tänzer, Clown und Animateur aufzutreten, um sowohl die Zuschauer, als auch die Gruppe ein wenig in Schwung zu bringen.

Nach den Trommeln kam der Zirkus mit einem festen Programm, das zum einen aus Akrobatik, zum anderen aus Jonglage, Diabolo, Einrad, und verschiedenen anderen Tricks bestand. Die Akrobatiknummer bildeten 2 bolivianischen Mädchen zusammen mit mir und einem der anderen Deutschen. Wir wurden gegen Ende dann immer als „Akrobatik mit Bam-Bam und Mustafar“ angekündigt, was uns immer fast aus der Rolle brachte. Seit den Proben mit der Zirkusgruppe habe ich bei den Bolivianern den Spitznamen „Bam-Bam“, aus welchen Gründen weiß ich nicht ganz genau. Jedenfalls bestand die Nummer aus ein paar Übungen aus dem Buch „Akrobatik mit Kindern“ die eigentlich doch recht gut ankamen.

Das Programm folgte seinem Lauf, meistens mit dem „Teatro Trono Aleman“, also uns deutschen, deren Stück ich ja eben schon beschrieben habe. Dann kam das echte Teatro Trono, deren Stücke und Spielweise ich im folgenden mal ein bisschen erläutern möchte. Man kann diese Art Theater zu „machen“ nämlich nur schwer mit dem deutschen Theater-Theater beschreiben. Es ist Theater, das ursprünglich von der Strasse kommt, und für die Strasse bestimmt ist. Keines der Stücke dauert länger als 20 Minuten, es gibt kaum Requisiten, die Ausdruckskraft des Körpers steht im Vordergrund. Die Themen sind entweder politisch oder gesellschaftskritisch. Z.B. gibt es ein Stück mit dem Namen: „Das Land, welches eines Tages den Krieg kaufte“. Dort stellen die über 15 Schauspieler erst einmal mit ihren bloßen Körpern ein produktives Volk dar, Fabriken, ein Schlachtbetrieb, Verkauf, etc. Bis ein ausländischer Händler ihnen zur Verteidigung ihres Hab und Gutes, einige Waffen verkauft und sie daraufhin mit einem ebenfalls ausländischen General in den
Krieg ziehen, solange, bis keiner mehr übrig ist. Dem daraufhin bestürzten und ratlosen Präsidenten des Landes bleibt nichts anderes übrig, als die wirtschaftliche und natürlich ausbeuterische „Hilfe“ desselben Händlers anzunehmen, der ihn vorher beschwatzte seine Waffen zu kaufen, zur Abwehr der ach so vielen Gefahren von außen. Das Trono arbeitet mit einfachsten Mitteln und dennoch sehr ausdrucksstarkem Theater. Neben diesem Stück wurden auch noch der „Mercado International“, in dem es um die wirtschaftliche Ausbeutung der Entwicklungsländer durch die Industrieländer geht (wie das oben beschriebene eine Adaption aus Büchern von Eduardo Galeano) und das bekannte Stück „Des Kaisers neue Kleider“ von Andersen mit auf die Tour genommen. Außerdem verschiedene kleinere Stücke und Pantomimen aus dem Repertoire der Gruppe, die meist selbstgeschrieben wurden und von denen einige von den Erfahrungen der Straßenkinder erzählen, die das Teatro Trono gegründet haben. Nahezu alle Stücke haben einen satirischen Charakter und in manchen wird die Obrigkeit und die Kirche auf den Arm genommen.

Den Abschluss einer jeden Aufführung bilden dann wieder die Trommeln, gemeinsam mit den Artisten vom Zirkus, die dann zu der Musik jonglieren und andere Tricks machen, und einem ausgeflippten Tänzer, der die Leute noch mal zum Lachen bringt. So lief es im Prinzip bei fast jeder Aufführung, wobei es immer anders und deshalb immer wieder aufs neue ein Erlebnis war. Mal spielte man auf einem total belebten Platz, mal in einem eher ländlichen Viertel, wo plötzlich jeder der Einwohner seine Arbeit liegen lässt, um zuzuschauen, mal in einem kleinen Nest, überall auf dem Theaterlastwagen. Mal auf einer Freiluftbühne in einem Zoo, der extra wegen uns keinen Eintritt verlangt. Mal in einem Projekt, mal im Theater einer Universität. So ging dass von Stadt zu Stadt. Und so wie es in jeder Stadt unterschiedliches Brot gibt, gibt es bei jeder Aufführung ein anderes Publikum.

Am wenigsten aufregendes gibt es eigentlich aus Sucre zu berichten, obwohl die Stadt ja die offizielle Hauptstadt und Sitz des obersten Gerichtshofes Boliviens ist. Dort waren eigentlich in Zwei Tagen 4 Auftritte – unter anderem in einem großen geschlossenen Theater – , mehrere Fernseh- und Radiointerviews und Workshops in 3 verschiedenen Projekten geplant. Leider wurde, als man merkte, dass man sich ein wenig übernommen hat, ein großer Teil der Veranstaltungen gestrichen, und so blieben nur 3 Auftritte übrig. Die Fahrt nach Sucre war dennoch sehr ereignisreich, da sich unser Bus, bei der Überquerung eines durch starke Regenfälle entstandenen Flusses ca. 1,5 Meter tief ins Wasser versenkte und nur mittels zweier Baulaster und einem riesigen Bagger, wieder herausgezogen werden konnte, indem man kurzentschlossen den Fluss mit 10 Ladungen Erde umleitete. Den Regen bekamen wir auch während eines Auftritts zu spüren, als mitten in unserem Stück ein heftiger Platzregen herunterging. War aber im Nachhinein eher eine Bestätigung, da nahezu alle der knapp 100 Zuschauer, trotz weniger Regenschirme oder sonstigem Schutz, blieben, um sich das Stück anzusehen.

Sucre

Sucre ist mir aber als Stadt sehr positiv in Erinnerung geblieben. Die Altstadt ist ähnlich der in Tarija. Enge Gassen, viele schöne, weißgetünchte Häuser, zumindest in meinem Gedächtnis. Viele der Indigenas hier tragen die traditionellen Gewänder der Umgebung. Es gibt auch ein Museum für indianische Textilkunst. Noch beeindruckender ist aber die „Casa de la libertad“, in der 1825 die Unabhängigkeitserklärung Boliviens (vormals Alto Perus) unterschrieben wurde. Man bekommt hier die Geschichte des Landes sehr authentisch und direkt vermittelt.

Nach der Zeit in Sucre ging die Reise weiter in die ehemals reichste Stadt des ganzen Kontinents: Potosí. Heute ist das Departamento Potosí das ärmste Boliviens. Die Stadt, die heute 165.000 Einwohner hat verdankt ihre Existenz dem Silberreichtum ihres Hausberges, dem „Cerro Rico“ (reicher Hügel). Unvorstellbar große Mengen an Silber wurden zwischen 1550 und 1660 von den Spaniern aus dem Kegelförmigen, in verschiedensten Rottönen leuchtenden Berg gesaugt, die den Reichtum im aufstrebenden Europa sicherten. Die Indios schufteten sich unter elendsten Bedingungen in den Minen zu Tode. Wer mehr darüber erfahren möchte, dem empfehle ich das Buch „Die offenen Adern Lateinamerikas“, von Eduardo Galeano.

Wir nutzen unseren freien Tag in Potosí, um eine der noch arbeitenden Minen zu besichtigen. Da gerade Sonntag und Karneval war, war allerdings kein einziger Minenarbeiter da, so dass wir schließlich von einem kleinen Jungen von ca. 11 Jahren in eine Mine geführt wurden. Es war fast erschreckend, wie professionell der kleine und führte. Fast wie ein Führer in einem Museum (Haben Sie Fragen, möchten Sie ein Foto machen ?) erzählte er uns die Geschichte der Mine, des „Tio“, dem Schutzpatron einer jeden Mine, dem Zigaretten in den Mund gesteckt und Alkohol über die Gliedmassen geträufelt wird, für Glück und Stärke der Minenarbeiter, und aus dem Leben der Minenarbeiter. Seine Eltern sind tot und so lebt er zusammen mit seinen 3 Schwestern und einigen Minenarbeitern in einer Lehmhütte am Ausgang der Mine. Die Kinder organisieren, von der Schule – immerhin gehen sie zur Schule – bis zum täglichen Essen, alles selbst.

Die beiden Aufführungen in Potosi waren insbesondere für mich sehr interessant, da meine Rolle als Alleinunterhalter nun auf ein anderes Level gehoben wurde. Als bei der 1. Aufführung ca. 100 Schulkinder gespannt auf einer steinernen Tribüne saßen und ansehen mussten, wie die Trommelgruppe sich einfach entfernte, um noch mehr Leute anzulocken, sprang ich kurzerhand ein und mir gelang es, durch einfachste Dinge (Passanten imitieren, Grimassen schneiden etc.) die Leute bis zur Rückkehr der Trommeln zu unterhalten. Der Effekt war dann, dass die Kinder jedes Mal wenn ich die Bühne betrat, manchmal auch nur um einen Stuhl hinzustellen, anfingen zu lachen. Das Ganze erweiterte ich dann während der folgenden Aufführungen zu einem kleinen Programm mit Publikumssketchen und kleinen Pantomimen.

Wie ihr euch vorstellen könnt, gab es neben den zahlreichen positiven Erfahrungen, auch ein paar Probleme, die mir insbesondere im 2. Teil manchmal Kopfzerbrechen bescherten. Zum einen war die Kommunikation zwischen uns Deutschen und den Bolivianern teilweise sehr schlecht. Wir wurden, so kam es mir zumindest vor, oft nur sehr unzureichend in die Organisation verschiedener Programmpunkte mit eingebunden, obwohl wir darauf aufmerksam machten, sowohl das Potenzial, als auch die Zeit dafür zu haben. Manchmal wurden uns Dinge, Änderungen oder Probleme gar nicht oder zu spät mitgeteilt.

Ein weiterer Punkt war meiner Meinung nach die fehlende Reflexion. Es gab so gut wie nie eine Nachbereitung der Aufführungen, obwohl einige Stücke der Bolivianer, aber auch wir deutschen ein Feedback teilweise dringend nötig gehabt hätten. Dabei muss die Hauptkritik eigentlich an den beiden Hauptverantwortlichen geübt werden, die zwar oft viel um die Ohren und deshalb nicht viel Zeit hatten. Es kam jedoch häufiger vor, dass beide am Ort der Aufführung waren, sich die einzelnen Nummern aber nicht anschauten, sondern entweder miteinander oder mit einer 3. Person redeten oder sich ausruhten. Bis zum Ende hatte unser Stück noch einige sprachliche Mängel, auf die uns niemand aufmerksam machte. Und viele, besonders der jungen Schauspieler hätten ein wenig Lob oder aber auch konstruktive Kritik gebraucht. Wenn es mal große Gesprächsrunden mit der ganzen Gruppe gab, wurden darin meistens über nichtige Kleinigkeiten oder über Probleme einzelner geredet, selten über Inhalt oder Ablauf der Auftritte. Auch nach der Reise gab es bisher keine Reflexion. Wenn überhaupt wird diese in frühestens 2 Wochen stattfinden.

In Oruro schloss unsere Tour dann mir einigen sehr schönen Aufführungen ab, von denen besonders die letzte hervorzuheben ist, bei der wir aufgrund krankheitsbedingtem Ausfall von Phillip unser Stück umbesetzten und zusammen mit einigen Bolivianern eine sehr gelungene Aufführung hinbekamen. Ansonsten gibt es von Oruro nicht viel zu berichten, außer Karneval. In Oruro gibt es nach Angaben der Stadt den besten, tollsten und schönsten Karneval der Welt, noch besser als der in Rio. 2 Wochen vorher wird dort immer am Wochenende so etwas wie Vor-Karneval gefeiert, bei denen die Tanz und Musikgruppen schon einmal proben. Während dieser Zeit gibt es, wie auch im ganzen Land, den hübschen Brauch, dass alle Kinder und Jugendlichen ständig Wasserbomben und Spritzpistolen bei sich tragen und nahezu alles nass machen, was ihnen in die Quere kommt. Besonders Mädchen und Frauen sind stark davon betroffen, und in Oruro sind diese kleinen Späße teilweise zu riesigen Schlachten ausgeartet, bei denen sich dann entweder 2 Gruppen gegenseitig bekriegen, oder aber bis zu 30 – 40 Jungen hinter einem Mädchen herrennen, welches meistens nicht in Ruhe gelassen wird, bis es von oben bis unten klitschnass ist, inklusive Schulmaterial. In El Alto angekommen sind wir dann auch schon einigen Male mit Wasserbomben regelrecht überfallen worden, wobei es meistens glimpflich ausging.

Charquekan - Essen in Oruro

Am 24. werden wir uns wieder nach Oruro begeben, um dort mit 10 anderen Freiwilligen und den Leitern unserer Organisation den richtigen Karneval erleben werden, bevor es zum eigentlichen Zwischentreffen, mit Workshops, Vorträgen, Reflexionen etc, nach Cochabamba weitergeht.

Also, das ist jetzt ein verdammt langer Bericht geworden, aber ich hoffe, er ist dennoch lesenswert und ihr langweilt euch nicht. Falls doch, sagt bitte Bescheid, ich bin immer offen für Kritik und Verbesserungen.

Bis bald,
euer Christoph

Gruppenfoto

Freitag, 20. Januar 2006

Urlaub und die Ruhe vor dem Sturm ?

- 5. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


Dieser Bericht handelt von Urlaub. Von Weihnachten und Silvester. Und von der bevorstehenden Tournee, die uns 4 Zivis aus El Alto gemeinsam mit dem Kulturzentrum COMPA durch ganz Bolivien führen wird. Und natuerlich von Politik.


Doch zunächst einmal möchte ich noch einmal rückblickend auf die Präsidentschaftswahlen vom 18. Dezember eingehen. Wie schon berichtet wurde Evo Morales, dem Vertreter des linken Bündnisses MAS (Movimiento al Socialismo) die größten Chancen eingeräumt. Er gewann die Wahlen mit einer unerwartet hohen Mehrheit von 51,1 %. Das hat in den letzten 20 Jahren kein einziger Kandidat geschafft. Insofern war der Tag der Wahlen ein herausragendes Ereignis in der Geschichte Boliviens. Nicht nur, dass erstmals ein Indigena zum bolivianischen Staatsoberhaupt gewählt wurde, die Klarheit seines Sieges ist auch ein Zeichen dafür, das er es vielleicht schaffen kann, die verschiedenen Volksgruppen des Landes aneinander heranzuführen. Denn der MAS konnte sowohl in den Departements des Altiplano, in denen vorwiegend Aymara und Quechua leben, als auch in den anderen Departements hohe Prozentzahlen erreichen. Im Departement Santa Cruz, das als sehr konservativ und eher rechtsgerichtet gilt, kam der MAS mit 32,7 % auf den 2. Platz hinter der neoliberalen Partei PODEMOS. Diese Partei wurde insgesamt zweitstärkste Kraft hinter dem MAS. Die Unidad Nacional (UN) belegte wie erwartet den 3. Rang, allerdings mit enttäuschenden 8,1% der Stimmen.
Insgesamt beteiligten sich etwas mehr als 3 Millionen Menschen an den Wahlen was ca. 40 % Prozent der Bevölkerung entspricht. In Anbetracht der Tatsache das weitere 40 % der Bevölkerung nicht Wahlberechtigt sind, eine recht ordentliche Zahl. Und so sprachen viele der Journalisten und Politiker an diesem Tag von einem Sieg der Demokratie. Allerdings muss man auch bedenken, dass wer nicht zur Wahl geht ernsthafte Probleme bekommt, wenn er eine Arbeit finden will. Fast 7 % der Wahlzettel wurden leer abgegeben.

Obwohl Evo mit fast 20 Prozentpunkten vor PODEMOS liegt, wird er nicht ohne die anderen großen Parteien regieren können. Im Parlament besitzt der MAS mit 65 von 157 Sitzen zwar die Mehrheit, allerdings nur mit 4 Sitzen vor PODEMOS mit 61. Diese Angleichung der Mehrheiten resultiert hauptsächlich aus den Wahlen der Direktmandate, die PODEMOS eindeutig für sich entscheiden konnte. Diese Partei hat auch im Senat die Mehrheit.

Evo Morales wird am 22. Januar als Präsident hier in La Paz vereidigt werden. Das dies ein wirklich historisches Ereignis in der Geschichte Lateinamerikas ist zeigt das angekündigte Kommen von Persönlichkeiten wie Hugo Chavez, Fidel Castro, Gabriel Garcia Marquez, Rigoberta Menchu und anderen. Laut Ivan, dem Leiter meiner Arbeitstelle wird die Nacht auf den 23. Januar eine einzige große Party. Die Zeit seit den Wahlen ist allerdings, so scheint es mir zumindest, die ruhigste Zeit seit meiner Ankunft hier. Man wartet. Vielleicht kommt nach der Ruhe ja der Sturm. Änderungen der Politik sind jedenfalls so gut wie sicher.

Nebenbei sei noch bemerkt, dass in einigen deutschen Medien im Vorfeld oft ein recht verzerrtes Bild von Evo Morales wiedergegeben wurde. Im Tagesspiegel Berlin erschien bspw. Artikel, der in weiten Teilen ein unserer Meinung nach völlig falsches Bild der derzeitigen Situation wiedergibt. Ein Grund für die falsche Berichterstattung mag besonders die hiesige Konfusion während des Wahlkampfes gewesen sein, was die Zukunft von Gas- und Ölressourcen Boliviens angeht. Insbesondere wurde der Begriff Verstaatlichung (aller möglicher Dinge) so oft „missbraucht“, das am Ende eigentlich niemand mehr wusste, was denn jetzt wer genau machen will. Am wenigsten Ahnung hatten vermutlich die Journalisten.


Aufgrund der Feierlichkeiten hat das COMPA auch seine Tournee verlegt , die durch fast alle größeren Städte Boliviens führen wird. Vom 24. Januar bis zum 16. Februar wird gereist, Theater gespielt und politische Arbeit gemacht. Der „Teatro Camion“ Theaterlastwagen wird zunächst in Santa Cruz, dann in Tarija, Potosi und Oruro Halt machen. Danach geht es über die Hauptstadt Sucre wieder zurück nach El Alto. In jeder dieser Städte werden wir und ca. 18 bolivianische Jugendliche und 5 Betreuer sowohl auf der mobilen Bühne dieses Lastwagens auftreten, als auch auf öffentlichen Plätzen und wahrscheinlich in dem ein oder anderen Theater.

Wir haben in diesem Zusammenhang ein eigenes Stück geschrieben, das von unseren vergeblichen Bemühungen ein kostenloses Jahresvisum zu erhalten, handelt. Dabei trifft die Hauptperson, ein deutscher Volutario, immer wieder auf Menschen, die ihm einerseits Einblicke in die bolivianische Kultur eröffnen und ihn auf der anderen Seite auf die Probleme ihres Landes aufmerksam machen. Außerdem versuchen wir auch ein wenig auf die hiesigen Vorurteile gegenüber Deutschland einzugehen (Hitler; Bier etc.). Derzeit sind wir dabei, das Stück zu proben und bühnenreif werden zu lassen. Insgesamt gibt es ca. 17 Charaktere von denen 16 Charaktere nur von 3 Leuten gespielt werden. Insofern steht noch ein recht hartes Stück Arbeit vor uns, was die Koordinierung von Abläufen, das Basteln von Requisiten und die Beschaffung von Kostümen betrifft. Glücklicherweise hilft uns ein bolivianischer Jugendlicher bei der Textarbeit. Außerdem werden wir bei den Akrobatiknummer des Circusworkshops mitmachen und vielleicht noch bei der ein oder anderen Jonglagenummer. Außerdem wird unsere Arbeit im Auf- und Abbau der Bühne und in der Organisation der Auftritte bestehen. Neben den gemeinsamen Auftritten mit der gesamten Gruppe werden wir auch in Kleingruppen arbeiten und Straßentheater machen. Daneben möchte ich auch noch einige Sozialprojekte (bes. in Santa Cruz) besuchen. Ich bin sehr glücklich über diese einmalige Möglichkeit, fast das ganze Land einmal weniger aus der Sicht eines Touristen kennen zu lernen, sondern als Teil des COMPA mit einer konkreten Aufgabe. Ich hoffe, die Tour wird ein Erfolg und wir haben ausreichend Gelegenheit, uns die Städte auch ein wenig anzusehen.


Am 13. Januar hatten wir ein Gespräch mit Frau Irene Tokarski von der Deutschen Botschaft in La Paz. Sie ist eine der Verantwortlichen für die Koordination der deutschen Entwicklungshilfe in Bolivien. Außerdem arbeitet sie als Dozentin im Fach Theologie an der katholischen Universität La Paz. Es war ein interessantes und Aufschlussreiches Gespräch in sehr freundlicher Atmosphäre. Themen waren unter anderem die deutsche Entwicklungshilfe in Bolivien und die derzeitige politische Situation.

Die deutsche Entwicklungshilfe hier konzentriert sich auf folgende drei Schwerpunkte: Wasserversorgung und Abwasserentsorgung, nachhaltige Landwirtschaft, wozu auch die nachhaltige Entwicklung von Naturschutzgebieten zählt, und Demokratieförderung. Die Hauptarbeitsgebiete sind ländliche Gebiete und kleinere Städte, wie z.B. das Dschungelgebiet nördlich von La Paz, der Chaco, die alten Minengebiete nördlich von Potosi. Die Arbeitsgebiete sind alles starke Armutsregionen.

Die deutsche Botschaft ist, was Entwicklungshilfe betrifft, das Koordinierungszentrum innerhalb Boliviens. Hier laufen die verschiedenen Stränge zusammen. Auf der einen Seite sind da die großen deutschen Entwicklungshilfeorganisationen wie die GTZ (Gesellschaft für technische Zusammenarbeit – macht u.a. viel Beratung im Bereich Lokalpolitik), oder die KFW (Kreditanstalt für Wiederaufbau – sie stellt vor allem günstige Kredite zur Verfügung, gibt aber auch Schenkungen), sowie Personaldienste wie der DED (Deutscher Entwicklungsdienst – welcher vorrangig mit Zivilgesellschaften zusammenarbeitet, aber auch mit Municipien), die bolivianischen Institutionen Fachpersonal anbieten, die vor Ort nicht zur Verfügung stehen. Meistens wird dann für ein bestimmtes Projekt ein Vertrag zwischen der Bundesregierung und einer der Entwicklungshilfeorganisationen geschlossen. Auf der anderen Seite hält die Botschaft natürlich Kontakt zu den bolivianischen Behörden und Organisationen (wie z.B. das Landwirtschaftsministerium). Das Ziel ist laut der Mitarbeiterin der Botschaft grob gesagt, auf der einen Seite vor Ort eine nachhaltige Entwicklung in den drei oben genannten Bereichen zu fördern, und auf der anderen Seite eben auf Departamentaler und nationaler Ebene dementsprechende Politik der bolivianischen Behörden zu erreichen und dabei die Erfahrungen vor Ort mit einzubringen.

Deutschland liegt, was die Höhe der Entwicklungshilfe betrifft nach den Vereinigten Staaten und Japan an dritter Stelle. Danach kommt noch die Niederlande. Wobei die höhe der finanziellen Hilfe von den Ländern selbst angegeben wird und beispielsweise das Gehalt der Entwicklungshilfebeauftragten der deutschen Botschaft auch mit eingerechnet wird. Auch die Methoden sind unterschiedlich, beispielsweise wird von den USA viel Aufwand und Geld in die Drogenbekämpfung gesteckt, wobei man hier den Begriff Entwicklungshilfe hinterfragen muss, da Teile der Gelder nicht in nachhaltige Projekte fließen und bei denen vorrangig eigene Ziele eine Rolle spielen (Unterbindung des Drogenhandels in die USA). Aber es gibt auch zahlreiche andere, durchaus beispielhafte Projekte, z.B. in den Bereichen Gesundheit und Erziehung, aber auch Kultur. Die Japaner machen sehr viele konkrete Dinge (Bau einer Schule o.ä.) und sind deshalb bei der Bevölkerung auch sehr beliebt. Auch die Europäische Union ist vertreten. Sie arbeitete in den letzten Jahren besonders stark in der Region Chapare, eines der Kokaanbaugebiete, aus dem auch Evo Morales stammt.

Bolivien ist das von Entwicklungshilfe abhängigste Land Lateinamerikas. Vor einigen Jahren gab es 1800 verschiedene staatliche Projekte, die gefördert wurden. Ein riesiger Aufwand, wenn man bedenkt, das normalerweise für jedes Projekt einmal im Jahr ein Evaluierungsbericht geschrieben werden muss, der je nach Geldgeber unterschiedlichste Kriterien zu erfüllen hat. In Bolivien gibt es ein eigenes Vizeministerium (Ministerio de Planification y Financimiento), welches für die verschiedenen Projekte zuständig ist. Alle 3 Jahre gibt es Verhandlungen zwischen Deutschland und Bolivien, in denen insbesondere die zukünftigen Schwerpunktthemen und Regionen besprochen werden und gemeinsame Ziele vereinbart werden. Bis zu einem konkreten Projekt kann es allerdings noch lange dauern. Von der Idee bis zum Beginn der eigentlichen konkreten Planung kann schon mal ein Jahr vergehen, was hauptsächlich an dem hohen bürokratischen Aufwand und an den recht häufigen Regierungswechseln hier in Bolivien liegt. Die Durchführungszeit liegt bei bis zu 10 Jahre. Alle Projekte sind darauf ausgelegt, später selbstständig von den Bolivianern weitergeführt werden zu können. Die großen Organisationen schicken Entwicklungshelfer (Fachleute), die das Projekt aufbauen und später übergeben. Es gibt Großprojekte, wie der Bau einer Kläranlage und die sog. „Kleinstprojekte zur Armutsbekämpfung“ (Umfang: bis 8000 €). Dazu gehört bspw. eine Bewässerungspumpe.

Ein größeres Projekt ist z.B. der biologische Anbau von Kaffee im Madidi-Nationalpark im Norden von La Paz. Ziel ist es, den Bewohnern des Naturschutzgebietes einen Unterhalt zu garantieren, damit diese nicht den Wald abholzen, jagen, überfischen etc. Der sehr hochwertige Kaffee wird von einer Kaffeehauskette hier in La Paz abgenommen. Die allgemeinen Bedingungen für die Realisierung eines Projekts sind in der Regel immer die Einhaltung der Menschenrechte, Bürgerbeteiligung, Gleichberechtigung der Geschlechter und in vielen Fällen der Umweltschutz. Wobei dieser in einem Land, das vorrangig mit riesigen Armutsproblemen zu kämpfen hat, öfters mal auf Probleme stößt.

Nach den Aussagen von Frau Tokarski wird stark auf Nachhaltigkeit und Zusammenarbeit mit den Bolivianern Wert gelegt, wobei natürlich in der Praxis auch manche Projekte nicht so laufen wie man sich das vorstellt. Im Gegensatz zu manchen anderen Nationen wird darauf geachtet, dass möglichst niemand (z.B. deutsche Multinationale Firmen) von der Entwicklungshilfe profitiert, außer die an dem Projekt beteiligten Menschen. In den meisten Fällen versucht die deutsche Entwicklungshilfe eine politisch neutrale Stellung einzunehmen. So auch bei den Verhandlungen über Abbau und Verkauf der bolivianischen Gas- und Ölressourcen, bei denen es durchaus Geldgeber gab – insbesondere die Länder, deren Firmen an der „Ausbeutung“ der Ressourcen beteiligt sind – die versucht haben, bestimmte Bedingungen durchzusetzen, von denen das eigenen Land profitiert. Insofern scheint die deutsche Entwicklungshilfe nach meinem Eindruck im Vergleich zu anderen Ländern hier in Bolivien recht vorbildlich zu sein. Es gibt allerdings auch Fälle, die Anlass geben, dies anzuzweifeln. Dazu gehört auch das Verhalten der GTZ während der Wasserkriege in Cochabamba 2002.

Neben dem Aufgabenfeld Entwicklungshilfe ist die Botschaft natürlich auch noch die Vertretung der Bundesrepublik Deutschland, und des weiteren Anlauf- und Beratungsstelle für alle Deutschen. Insbesondere wenn es um Rechts- und Konsularfragen geht.

Ausserdem haben wir Frau Tokarski auch noch zur aktuellen Politik befragt. Es folgt ein nachbearbeiteter Mitschnitt des Gesprächs:

Was halten Sie persönlich von Evo Morales und den neuesten politischen Entwicklungen in Bolivien ?

Nun, zum einen muss man festhalten, das noch niemand mit einem solchen Ergebnis in Bolivien eine Wahl gewonnen hat. Ich denke, dass dies insgesamt, im Hinblick auf die Ausgangssituation im Dezember der bestmögliche Ausgang ist. Wenn es zu einem Patt (zwischen Evo und PODEMOS) gekommen wäre, und dieser Stillstand – weder vor noch zurück – weitergegangen wäre, das wäre sicherlich schlechter gewesen. Viel kann man im Moment nicht sagen, jetzt muss man schauen was er macht. Die Stimmung im Volk ist, so wie ich das mitbekommen habe, sehr gut. So gut wie schon lange nicht mehr. Sogar die oberen und mittleren Schichten sagen: Jetzt lassen wir ihn mal machen. Vielleicht klappt es ja. Mal sehen. Evo scheint mir, im Gegensatz zu Chavez (Venezuela), der ja immer wieder versucht, ein wenig gegen die USA zu rebellieren, ein recht kluger Staatsmann zu sein, dessen Programm und dessen Aussagen sich in den letzten Jahren sehr deutlich entradikalisiert haben. Auch das Programm des MAS ist durchaus vernünftig und gut. Und die Partei besteht ja aus einer Reihe Intellektueller und Fachleute aus den verschiedensten Bereichen. Der Punkt ist eben, das keiner von denen vorher schon einmal politische Arbeit gemacht hat. Insofern muss man natürlich auch damit rechnen, dass Fehler gemacht werden.

Was ist der Standpunkt der Bundesregierung ? Gibt es eine Stellungnahme ?

Nein. Ein Glückwunschtelegramm von Frau Merkel, mehr nicht. So wie das in solchen Situationen üblich ist. Das ist auch ganz klar, Evo ist ein demokratisch gewählter Präsident, mehr braucht die Bundesregierung dazu auch nicht zu sagen.


In meinem letzten Bericht habe ich ganz vergessen, wie die Geschichte mit unserem Visum weitergegangen ist. Nun ja, nachdem wir alle nötigen Dokumente besorgt hatten – und dafür etliche Stunden Zeit und einiges an Geld geopfert hatten – ging es mal wieder zur Einwanderungsbehörde, voller Hoffnung, endlich ein Visum zu bekommen. Wir hatten noch genau 3 Tage bis zur Illegalität. Leider hatte der Chef der Migracion gewechselt und nun saß ein, wie wir später erfuhren, noch größerer Verbrecher hinterm Schreibtisch, als vorher. Phillip, unser Ländersprecher sprach mit ihm, und nachdem er ohne Begründung verneinte, es hätte jemals auch nur die Hoffnung auf ein Visum gegeben, wurde Phillip etwas lauter. Worauf Herr „Rodriguez“ nur meinte, es gefiele ihm nicht, in welchem Ton Phillip spräche, und außerdem sei es unsere eigene Entscheidung gewesen, hierher zu kommen. Dann verlangte er auch noch 600 Bolivianos (60 €) von uns mit dem Hinweis, einer unser Stempel sei ungültig. Demnach wären wir 60 Tage illegal hier gewesen und müssten pro Tag einen € zahlen. Natürlich völliger Schwachsinn und ein Versuch, mal eben ein wenig dazu zu verdienen. Wir haben nicht gezahlt.

Tja, danach erst einmal Ratlosigkeit. Dann die Idee, wir gehen zur Botschaft. In der Botschaft empfängt uns Herr Mathias Müller, der eigentlich keine Ahnung hat, dies auch zugibt und mit uns sofort zu einem gewissen Herrn Seligmann – Deutschbolivianer und schon seit 30 Jahren für die Botschaft arbeitend – führt. Herr Seligmann ruft einen Kumpel an – keine Ahnung wen - und bittet freundlich darum, doch so bald es geht mit seinen „Stempelchen“ vorbeizuschauen. Einen Tag später hat jeder von uns 2 neue Stempel (Einreise – Ausreise) in seinem Pass mit weiteren 90 Tagen Legalität. Ausserdem hat Seligmann mit dem Vizeaussenminister telefoniert, der dafür sorgen soll, dass wir so bald es geht ein Diplomatenvisum erhalten. Und weil sich dies wegen Wahlen, Regierungswechsel etc. noch ein wenig verzögern kann, sollen wir einfach in 3 Monaten wiederkommen, zwecks Stempelerneuerung. Manchmal muss man eben zurückschummeln.

Nun vielleicht noch kurz zu Weihnachten und Silvester. Wie ich ja schon angekündigt hatte, waren wir über die Feiertage 12 Deutsche (6 Zivis aus Bolivien, 2 aus Peru, eine Freiwillige aus Kolumbien, sowie 3 Weltbereisende). Nachdem wir am Vorweihnachtsabend es endlich geschafft hatten, den gesamten Müll (eine Kleinlasterladung voll von allem möglichen Gerümpel und Dreck von tausend Jahren) von unserer Garage in einen Müllcontainer zu befördern, konnten wir das Weihnachtsfest ausgeglichen und guter Stimmung begehen. An Heiligabend wurde auf dem Dach ein Grill gebaut und es gab ein wirklich fulminantes Weihnachtsgrillen mit allerlei Saucen, Salaten etc. Den Höhepunkt bildeten in der Glut gebackene Bratäpfel mit Mandelfüllung und selbstgemachter Glühwein. Später wurde dann ein echter Weihnachtsbaum angezündet (die Kerzen) und die von mir in einer Wochenendschicht gebackenen Plätzchen gegessen. Alles in allem ein toller Abend. Am 25. ging es dann Abends hinunter nach La Paz zum Llama essen und feiern.

Silvester war ebenfalls sehr schön. Wir feierten in Cusco (Peru), wobei schon die Fahrt dorthin sehr erlebnisreich war. Cusco war früher die Inkahauptstadt und wurde als der Nabel der Welt bezeichnet. Leider hatten wir aufgrund Zeitmangels keine Gelegenheit, die zahlreichen Ruinen in der Gegend anzuschauen. In Cusco selbst gibt es nicht so viele Übrigbleibsel aus der Inkakultur, dafür aber einige Kirchen und andere Bauten aus der Kolonialzeit. Was vielleicht auch noch interessant ist: Peru ist ca. doppelt so teuer wie Bolivien, zumindest in einigen Bereichen. Außerdem ist Cusco so verdammt touristisch, dass es teilweise wirklich ungemütlich wird. Unser Silvesterfest bestand aus Kürbissuppe, Mousse-au-Chocolat, Cocktails und Vorfeiern in der Freiluftküche unseres Hostals, sowie einer riesigen Party auf dem zentralen Platz in Cusco mit Hunderten von Menschen (Einheimische und Touristen).

Am 1. Januar ging es dann gleich morgens wieder zurück nach La Paz, was sich als sehr anstrengend herausstellte. Da ich nur noch wenig Geld hatte, bestand mein Proviant für die mehr als 12stündige Fahrt aus gerade mal einer Flasche Wasser. Außerdem musste ich ständig darum Bangen, ob ich es noch rechtzeitig, d.h. vor Schließung der Einwanderungsabfertigung, d.h. legal, über die Grenze schaffen würde. Als ich schließlich zuhause war, hatte ich gerade mal noch genau 1 Boliviano (10 Eurocent) übrig.

Doch die Tortur hatte sich gelohnt, denn am nächsten Tag ging es los auf eine zwar größtenteils verschneite und verregnete 4-Tägige Wandertour auf alten Tiwanaku- pfaden hinunter in die Yungas. Insgesamt bewältigten wir dabei einen Höhenunterschied von mehr als 3500 m (von 4800 auf 1300). Trotz des Regens, der anfänglichen Kälte und am Ende haufenweise Moskitos, hat sich dieser Trip wirklich gelohnt, besonders aufgrund der überwältigenden Landschaft und des Naturerlebnisses. Am letzten Tag wurde dann noch bei ca. 30 Grad ein Bad im Fluss genommen, bevor es auf dem Rücken eines Lastwagens wieder hoch ins kalte La Paz ging. Die Tour hatten Ivan, ein Betreuer eines der Zentren in denen wir arbeiten und Phillip, unser Ländersprecher organisiert, vielen Dank dafür nochmals.



Tja, soweit sogut, ich hoffe ihr alle hattet ebenfalls ein schoenes Weihnachtsfest und seid gut ins neue Jahr gekommen. Mein naechster Bericht wird wohl hauptsaechlich von der Trono-Tournee handeln und so um den 20. Februar erscheinen.

Bis dahin, machts gut.
Christoph


PS: Von dem Geld, das durch den Verkauf von bolivianischen Muetzen und Schals eingenommen wurde, habe ich einen 1.-Hilfe-Koffer fuer das Jugendzentrum „SerJoven“ gekauft, in dem ich Theaterworkshops mache. Weitere Anschaffungen bzw. Aktivitaeten werden demnaechst realisiert werden. Vielen Dank erst einmal an Luki und Rikki

Freitag, 6. Januar 2006

Der große Wandel

- 4. Bericht von Christoph Wetzel aus El Alto, Bolivien -


In genau 4 Tagen, am Sonntag den 18. Dezember wird in Bolivien ein neuer Präsident gewählt. Aus diesem Anlass schicke ich euch meinen Bericht schon ein paar Tage früher als sonst und habe meinen Artikel über die derzeitige politische Lage angehängt, der auch in unserer Freiwilligenzeitung erscheinen wird.

Wenn man auf die Strasse geht, Fernsehen oder Radio anschaltet, ist vor allem von einem die Rede. Vom Wandel. El „Cambio“ soll alles besser werden lassen, und obwohl einige Parteien gar nicht so sehr für ihn stehen, wird er doch von allen gepriesen. Und noch etwas ist ganz erstaunlich: Für alle Bolivianer soll er sein, der Wandel. Und trotz fast unüberschaubaren Problemen, glauben alle daran. Zumindest alle Politiker. Im Volk ist vor allem eines zu erkennen. Unzufriedenheit, Unsicherheit und Misstrauen. Mehr möchte ich gar nicht dazu schreiben, nur soviel. Mein Eindruck ist dass eigentlich niemand so recht weiß, ob diese Wahlen wirklich etwas ändern werden, und dass es durchaus zu neuer Gewalt kommen kann. Egal wer an die Macht kommt.

Alles weitere zu den Wahlen findet ihr in meinem Artikel: Der-Bettler-auf-der-goldenen-Bank (pdf, 192 KB)

Nun aber noch kurz zu meiner Arbeit. Eigentlich hat sich nicht viel neues getan, außer das hier seit einer Woche Ferien sind und deshalb die Schulen geschlossen sind. Die Folge davon ist, dass wir ein wenig mehr Freizeit haben, die ich unter anderem für das schreiben von Artikel benutze. Und für das Spanischlernen in Form von Gesprächen und Literatur.

Außerdem arbeite ich seit ca. 2 Wochen als Basketballtrainer in der Behindertenschule, in die wir auch mit der mobilen Schule gegangen sind. Die Arbeit macht wirklich sehr viel Spaß. Die „Mannschaft“, die sozusagen neu gegründet wurde besteht aus ca. 9 Taubstummen und 2 geistig Behinderten und einem körperlich Behinderten. Und mir. Erstaunlicherweise ist die Kommunikation gar nicht so schwierig. Man verständigt sich immer irgendwie. Das einzige was wirklich anstrengend ist, ist das man nicht einfach mal ordentlich rumbrüllen kann bis keiner mehr dribbelt oder irgendwas anderes macht. Wenn ich pfeife oder rufe hört mich eben niemand. Und die drei die mich hören, können sich nicht lange konzentrieren und albern dauernd rum. Trotzdem ist es eine sehr spaßige Angelegenheit und die Kids lernen teilweise echt schnell. Der beste Spieler ist einer der beiden geistig Behinderten. Er hat es zwar technisch überhaupt nicht drauf, aber er hat eine sehr gute Übersicht. Leider kann man ihm auch fast nichts beibringen, weil er sich wie gesagt nie auf eine Sache konzentrieren kann und total hyperaktiv ist. Die anderen werden ihn also evtl. bald überholt haben. Das einzige große Problem besteht beim Spiel. Als Schiedsrichter braucht man immer ewig lange um das Spiel zu stoppen, weil einen eben keiner hört. Ich werde deshalb versuchen, einen Fluter zu organisieren, um bei Regelverstößen durch Lichtsignale auf mich aufmerksam machen zu können. Heute habe ich mir aber vorerst mal den Basickurs bolivianische Zeichensprache kopiert.

Neben meiner sonstigen regelmäßigen Arbeit (Englisch; Theater) habe ich diese und die letzte Woche zusammen mit einem aus dem Zentrum einen Menschenrechtsworkshops für Kinder aus einem anderen Kulturzentrum angeboten. Wir haben dabei auch sehr viel mit Theater gemacht, besonders bei den Themenschwerpunkten Selbstbewusstsein und Identität. Weitere Themen waren die Rechte der Kinder, und der Umgang mit der Umwelt. Bei dem letzten Thema aber hat mir der Arbeitsstil meines bolivianischen Kollegen Rätsel aufgegeben. Er brachte Müll mit in den Workshop. Zum einen wollte er damit demonstrieren, dass es verschiedene Arten von Müll gibt (Kompost, Plastik etc.). Die zweite Erkenntnis, die er vermittelte war, dass man Müll nicht wegwerfen soll, sondern dass man aus einigen Sachen ja wunderbar Spielzeug machen könne. Das stimmt ja auf der einen Seite, andererseits ist es nicht sehr weit gedacht. Ich denke es ist viel wichtiger, den Kindern beizubringen, ihren Müll verantwortungsvoll zu entsorgen und nicht einfach auf die Strasse zu schmeißen. Leider konnte ich danach auch noch miterleben, das selbst der Instruktor nichts aus seinen eigenen Reden gelernt hatte. Kaum hatten wir das Zentrum verlassen, landete der mitgebrachte Müll auf der Strasse.
Ansonsten ist der Workshop aber sehr gut gelaufen.

Ansonsten gibt es vorerst nichts neues zu berichten, außer dass wir einen Wasserrohrbruch haben und dass die Weihnachtszeit hier eher zu wünschen übrig lässt, was Festlichkeit und gemütliches Beisammensein angeht. Über die Feiertage wird sich das vielleicht ändern. So etwas wie Advent oder Nikolaus gibt es hier nicht.

In diesem Sinne, Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch ins neue Jahr euch allen. Den nächsten Bericht gibt’s im Januar. Fotos auf der Homepage.

Christoph

Samstag, 24. Dezember 2005

Frohe Weihnachten

Liebe Freunde,

die sechs Zivis wuenschen allen ein schoenes Weihnachtsfest. Wir selbst werden die Feiertage gemeinsam mit Freunden aus Peru und Deutschland, mit echtem Weihnachtsbaum und Plaetchen, leckerem Essen und Gluehwein hier in El Alto verbringen.

bis bald
Christoph

6 deutsche Zivis in El Alto

Christoph W., Sebastian R., Phillip S., Christian P., Julius J., Julian G.

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